Das Humboldt Forum und seine Spender: Mehr Transparenz, aber nicht genug

Die Aufregung war groß, als der Architekturkritiker Philipp Oswalt die antidemokratische und antisemitische Gesinnung von Ehrhardt Bödecker, einem der Großspender des Humboldt Forums, 2021 im Tagesspiegel bekannt machte. Bödeckers Familie, die von entsprechenden Passagen in seinen Schriften nichts gewusst haben will, zeigte sich bestürzt und ließ das Ehrenmedaillon für den 2016 verstorbenen Bankier und konservativen Preußen-Fan aus dem Eingangsfoyer des Museumsbaus für die außereuropäischen Sammlungen entfernen. Die Stiftung Humboldt Forum versprach die Aufarbeitung des Falls.

Zur Debatte steht seitdem auch die Spendenpraxis des Fördervereins Berliner Schloss, der unter der Geschäftsführung Wilhelm von Boddiens Gelder für den Fassadenschmuck und die Kuppel sammelte. Viele Spender blieben anonym, ihre Namen durfte der Förderverein nicht einmal der Stiftung mitteilen. „Um Zweifel auszuräumen, wäre mehr Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit gewiss gut“, sagte Stiftungs-Generaldirektor Hartmut Dorgerloh 2021 dem Tagesspiegel. Die Stiftung forderte den Verein auf, möglichen weiteren Verdachtsmomenten ernsthaft nachzugehen, vor allembei den Großspender:innen.

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Nun liegen Ergebnisse vor, zur Causa Bödecker – mit einem Medaillon wird nur geehrt, wer mindestens eine Million Euro spendete – wie zu den übrigen Großspendern, die mehr als 100.000 Euro zahlten. Über Bödecker, der 2002 unter anderem den Holocaust verharmlost hatte, heißt es im Gutachten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, dass er auf ein „imaginiertes positiv verklärtes Preußenbild fixiert“ gewesen sei. Was seinen Antisemitismus betrifft, ist „von deutlichen antisemitischen Klischees einerseits und der Konterkarierung antisemitischer Ressentiments andererseits“ die Rede.

Die Stiftung Humboldt Forum zieht daraus den Schluss, der Förderverein habe nicht gegen die Spendenrichtlinien verstoßen. Laut Gutachten sei Bödecker „weder rechtsextremistisch noch in einem rechtsradikalen Sinne antisemitisch gewesen“. Eine höchst fragwürdige Formulierung. Judenfeindlichkeit ist Judenfeindlichkeit: Wäre ein nicht rechtsradikaler Antisemitismus – was immer den Unterschied ausmachen soll – weniger bedenklich?

Was die übrigen Großspenden betrifft, bleibt es weitgehend bei Intransparenz – auch wenn die Stiftung in einer Mitteilung vom Gegenteil spricht. Zwar hat der Förderverein seinem Anwalt Peter Raue die Namen von 113 Großspender:innen vertraulich übermittelt – nur bei den Spenden des Deutschen Stifterverbands und einem Schweizer Geldgeber sind die Namen auch dem Verein nicht bekannt. Die Kanzlei überprüfte die übrigen, sie konnte „keinen Hinweis auf rechtsradikale oder gar extremistische Spender“ finden.

Der Förderverein sei „voll rehabilitiert“, heißt es auf der Startseite der Vereins-Webseite. Mit Ausrufezeichen. Die Stiftung kann dies jedoch nur „gern“ zur Kenntnis nehmen, ihrerseits überprüfen kann sie das Fazit der Kanzlei Raue nicht. Das Gleiche gilt für die Öffentlichkeit. Seit 2021 ist bekannt, dass auch weitere Figuren vom rechten Rand zum Spenderkreis gehören, etwa AFD-Politiker. Das vom Bund getragene Humboldt Forum ist eine der prestigeträchtigsten Kulturinstitutionen Deutschlands. Schon deshalb würde man sich gerne selbst ein Bild davon machen, mit welchen Geldern die Steuermittel-Finanzierung aufgestockt wurde.

Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Bödecker weder rechstsextremistisch noch in einem rechtsradikalen Sinne antisemitisch gewesen sei.

Pressemitteilung der Stiftung Humboldt Forum

Die Stiftung hat außerdem ihre Spendenrichtlinien überarbeitet. Bisher war nur knapp davon die Rede, Spender:innen dürften nicht gegen soziale oder ethische Standards verstoßen – so steht es auch jetzt noch in den Richtlinien des Fördervereins. Jetzt führt die Stiftung ethische Ausschlusskriterien detaillierter auf. Wer mit Äußerungen oder seinem Verhalten „eine Benachteiligung aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität anderer Menschen erkennen lässt“, dessen Spenden werden nicht angenommen.

Gut so. Noch wichtiger ist allerdings, dass die Stiftung Zuwendungen des Fördervereins ab sofort nur noch annimmt, wenn diese nicht „unklarer Herkunft“ sind. Das heißt, der Verein muss dem Humboldt Forum die Spendernamen nennen. Anders könnten Richtlinien-Verstöße ja gar nicht überprüft werden.

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Nur die Öffentlichkeit bleibt weiterhin außen vor. Das lässt sich nur per Gesetz ändern, mit einer Transparenzklausel ähnlich wie bei Parteispenden. Sie könnte sicherstellen, dass die wählenden und steuerzahlenden Bürger:innen bei (Kultur)-Großprojekten des Bundes über die Identität von Großspendern informiert werden müssen. Ein Job für Kulturstaatsministerin Claudia Roth.

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