Festival „Aus den Fugen“: Tannhäuser meets TikTok

Ein sicheres Zeichen für den Bekanntheitsgrad eines Werkes ist, dass es parodiert wird. Bestes Beispiel hierfür ist Richard Wagners „Tannhäuser“, der schon wenige Jahre nach seiner Uraufführung Nachahmungen inspirierte. Im Konzerthaus ist am Montag beim Festival „Aus den Fugen“ das jüngste Beispiel dieser Tradition zu erleben. „OK Tannhäuser“ heißt die Produktion der Musikstiftung Podium Esslingen, eine Solo-Performance, in der der Schauspieler Mauricio Hölzemann als queerer „Tannhäuser“ zu Liebe, Beziehung, Eifersucht und Sex monologisiert.

Angereichert ist der Abend durch die Einspielung vorab gedrehter TikTok-Videos, in denen man ihm in den Anfangsstadien einer Beziehung mit dem polyamourös lebenden „Ello“ sieht. Eine durchgehende Rahmenhandlung gibt es nicht, auch wenn klar ist, dass es zwischen den beiden wohl „kompliziert“ bleiben wird. Mit der Handlung von Wagners Oper hat all das nichts zu tun; ein Bezug zwischen dem Protagonisten und Wagners Titelfigur erschließt sich nicht.

Der Titelheld kreist um sich selbst

Leider wirkt das Regiekonzept von Joosten Ellée trotz digitaler Mittel erstaunlich altbacken. Tannhäusers Wutreden über die Liebe im Spätkapitalismus könnten über weite Strecken einem WG-Tischgespräch der Siebziger entstammen. Seine Reflexionen über richtige und falsche Beziehungstypen, oft dreifach auf die Wände des Werner-Otto-Saals projiziert, wirken selbstverliebt und kreisen hauptsächlich um sich selbst.

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Die eingespielten TikTok-Beiträge anderer User sind zwar ein witziger Einfall, werden aber nur einmal eingesetzt und fügen dem Dauerpathos des Abends keine neue Ebene hinzu. Auch die abschließende Aussage, „Liebe als Verb“ zu begreifen, ist aus Erich Fromms Werken bestens bekannt und kommt weniger als Einsicht als vielmehr altklug daher.

Den einzigen Bezug zu Wagners „Tannhäuser“ gibt es in den musikalischen Beiträgen, die die Performance einrahmen. Malte Schillers sehr gelungene Arrangements für Streichquintett und Jazz-Combo lassen den berühmten Pilgerchor in Jazz-Harmonien erklingen, denen man den ganzen Abend zuhören möchte. Hier entsteht eine interessante neue Interpretation, für die sich Wagners Chromatik unerwartet gut eignet. Die neun Musiker:innen spielen mit solcher Hingabe, dass man hier die Antwort auf „Tannhäusers“ wortreich ausgebreitetes Beziehungsleben finden könnte.

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