Die Blondine liegt schmachtend im Arm des Mannes: Roy Lichtenstein hatte ein Gefühl für die Absurdität seiner Zeit

Die Blondine liegt schmachtend im Arm des Mannes: Roy Lichtenstein hatte ein Gefühl für die Absurdität seiner Zeit
Durch: Feuilleton Erstellt am: März 27, 2024 anzeigen: 11

Mit einer Jubiläumsschau feiert die Albertina den Pop-Art-Heroen der Nachkriegszeit. Die Roy-Lichtenstein-Stiftung schenkte dem Wiener Museum mehrere Werke.

Die Träne wird überdimensional in Roy Lichtensteins «Thinking of Him», 1963.

Estate of Roy Lichtenstein /
Yale University Art Gallery, New Havenn

Es muss wie ein Traum gewesen sein: Nach Jahren der Arbeit im Atelier, der Jobs als technischer Zeichner, Werbegrafiker und Kunstlehrer wird Roy Lichtenstein plötzlich berühmt. Immer wieder hatten Galerien seine von Comics inspirierten Werke mit den charakteristischen Punkten und schwarzen Umrisslinien abgelehnt. Der New Yorker Galerist Leo Castelli erkannte schliesslich das Potenzial. Lichtensteins erste Ausstellung im Jahr 1961 war sofort ausverkauft. Über Nacht wurde der Maler zum Star. Zuvor war er bloss Insidern der New Yorker Kunstszene ein Begriff. «Eigentlich kannte niemand meinen Vater», erinnert sich Mitchell Wilson Lichtenstein.

Mitchell ist zur grossen Retrospektive seines Vaters in der Wiener Albertina angereist. Auf dem Weg hinunter in die Ausstellungsräume des traditionsreichen Museums sieht man ihn auf einem frühen Foto von 1964 zusammen mit seinem Bruder. Sie liegen zwischen Unmengen von Comicheften auf dem Boden und lesen. Im Hintergrund malt der Vater gerade an einem Bild. «Das Foto ist gestellt, wir waren selten in seinem Atelier», erinnert sich Mitchell. Aber es sei sehr bewegend, jetzt die vielen Werke in Wien zu sehen, die etwas verspätet zu seinem 100. Geburtstag gezeigt werden.

Bedeutende Schenkung

Roy Lichtenstein ist im Oktober 1923 geboren worden; dass man ihn erst jetzt würdigt, hat einen guten Grund. Die von Lichtensteins zweiter Frau Dorothy 1999 gegründete Lichtenstein Foundation schenkte dem Wiener Museum soeben ein grosses Konvolut an Werken. «Wir haben schon vor einigen Jahren dreissig Druckgrafiken erhalten. Jetzt aber sind Skulpturen, Skulpturmodelle und Zeichnungen dazugekommen», sagt der Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder.

Lichtensteins Skulpturen seien beim breiteren Kunstpublikum immer noch unterschätzt, meint er. Die geschenkten Werke weisen heute immerhin einen Wert von vierzig Millionen Euro auf. Und eigentlich sei ein anderes Museum dafür in Erwägung gezogen worden. Bei einem Mittagessen in Wien aber hatte sich der Co-Gründer der Lichtenstein Foundation Jack Cowart spontan anders entschieden. «Ich habe damals blitzschnell reagiert und Jack einen Standort nahe bei Wien vorgeschlagen», bestätigt Schröder den unkomplizierten Entscheidungsprozess.

Bald soll die Schenkung im ehemaligen Essl-Museum in Klosterneuburg permanent untergebracht werden. Dann wird das gut 15 Autominuten nördlich von Wien gelegene Haus in Albertina Klosterneuburg umbenannt. Fürs Erste wird der grosse amerikanische Meister der Pop-Art im Haupthaus in Wien gefeiert. In nur 13 Monaten sei die Ausstellung entstanden, betont Schröder – jeder Wunsch nach Leihgaben aus den berühmten Museen der Welt sei ihnen erfüllt worden.

Einfälle vor dem TV

Lichtenstein hat ein Gefühl für die Absurdität seiner Zeit gehabt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die USA eine radikale Kommerzialisierung. Liebe, Leidenschaft und auch die Sorgen des Alltags wurden nicht mehr länger in Porträtbildern individualisiert dargestellt, sondern in der Werbung als Stereotype festgeschrieben. Lichtenstein hat das erfasst und die Bildsprache der Werbung in seinen Bildern aufgegriffen. Bei ihm wird die Träne überdimensional, die Blondine liegt schmachtend im Arm des Mannes.

Über 5000 Werke schuf Lichtenstein in seinem unverwechselbaren Stil. Um in Ruhe malen zu können, zog er 1970 mit seiner zweiten Frau nach Southampton auf Long Island. Sie hatten sich 1964 kennengelernt, als die damals 25-jährige Dorothy Herzka in einer New Yorker Galerie arbeitete. Für die dortige Ausstellung «American Supermarket» sollte Lichtenstein eine Einkaufstüte signieren. 1968 heirateten sie. Seine Söhne, die 1954 und 1956 geboren wurden und aus der ersten Ehe mit Isabel Wilson stammen, wuchsen grossteils bei der Mutter in Brooklyn auf.

Woman in Bath, 1963 Oil and acrylic on canvas Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid © Estate of Roy Lichtenstein/Bildrecht, Vienna 2024

Woman in Bath, 1963
Oil and acrylic on canvas
Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid © Estate of Roy Lichtenstein/Bildrecht, Vienna 2024

Estate of Roy Lichtenstein/Bildrecht

Auch Dorothy ist zur grossen Retrospektive nach Wien angereist. «Damals war Southampton noch nicht so ein begehrter Ferienort», erinnert sie sich. Ihr Haus war ursprünglich eine Garage, aber mit einem Weg direkt zum Meer. Sie fuhren oft nach Manhattan, aber am liebsten habe Lichtenstein auf Long Island in seinem Atelier gearbeitet. Ob abends beim Fernsehen oder beim Spaziergang durch die Strassen, immer habe er neue Ideen gehabt. «Wir haben über seine Werke gesprochen, aber eigentlich war er damit ganz allein beschäftigt. Er war sehr bestimmend», sagt sie.

Sie habe auf Long Island in einer kleinen Schule ausgeholfen und nahm sich damals vor, die gesamte «Encyclopedia Britannica» zu lesen, erzählt sie lachend. Das waren damals immerhin schon 24 Bände, mit Tausenden von Artikeln. Sie habe die Bücher auch gekauft – doch nie gelesen. Stattdessen sei sie viel gereist. «Roy wollte zwar meistens nur in seinem Atelier bleiben.» Gemeinsam besuchten sie Indien, allein bereiste sie Afrika.

Roy Lichtenstein «Drowning Girl», 1963 Oil and acrylic on canvas The Museum of Modern Art, New York, Philip Johnson Fund (by exchange) and gift of Mr. and Mrs. Bagley Wright © Estate of Roy Lichtenstein/Bildrecht, Vienna 2024 Photo: The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

Roy Lichtenstein
«Drowning Girl», 1963
Oil and acrylic on canvas
The Museum of Modern Art, New York, Philip Johnson Fund (by exchange) and gift of Mr. and Mrs. Bagley Wright © Estate of Roy Lichtenstein/Bildrecht, Vienna 2024
Photo: The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence

Und gemeinsam kauften sie auch manchmal Kunst. «Wir hatten Zeichnungen von Picasso, Matisse und von unseren Freunden Andy Warhol, Bob Rauschenberg, auch Ellsworth Kelly.» Aber sie hat alles weggegeben, vor zwei Jahren sogar Lichtensteins New Yorker Atelier in der Washington Street. «Wir haben nach seinem Tod 1996 dort lange alles belassen, wie es war. Aber ich wollte kein Lichtenstein-Museum. Nur die von ihm selber entwickelten Staffeleien stehen noch. Jetzt gehört das Atelier dem Whitney-Museum», erklärt sie.

«Die meisten Künstler-Stiftungen halten rund 25 Jahre», sagt Jack Cowart und erklärt damit auch, warum das Atelier nicht Teil der Stiftung blieb. Der Werkkatalog sei abgeschlossen, das Archiv online: «Wir haben alles geteilt. Unser Job ist getan», fasst er zusammen. Sie wollen jetzt zurücktreten und den Nachlass für eine neue Generation öffnen. «Ich möchte alles loslassen», sagt die heute 85-jährige Dorothy.

«Roy Lichtenstein, Zum 100. Geburtstag», Albertina, Wien, bis 14. Juli.

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