Babboe: Staatsanwaltschaft eröffnet strafrechtliche Untersuchung gegen Lastenradhersteller

Babboe: Staatsanwaltschaft eröffnet strafrechtliche Untersuchung gegen Lastenradhersteller
Durch: Wirtschaft Erstellt am: April 02, 2024 anzeigen: 12

Accell-Tochter in Not Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Lastenradhersteller Babboe

Der Fall Babboe entwickelt sich zum Kriminalfall. Der Lastenradhersteller soll Behörden jahrelang über Sicherheitsrisiken getäuscht haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Rückruf in Deutschland wird ausgeweitet.

Kinder bei einem Unfall besonders gefährdet: Der Lastenradhersteller Babboe hat bereits mehrere Modelle wegen Sicherheitsrisiken zurückgerufen

Foto: Babboe

Die Lastenradtochter Babboe des niederländischen Fahrradkonzerns Accell könnte sich zum Fall für die Strafverfolger entwickeln. Die Behörde für Verbrauchsgütersicherheit (NVWA) hat, wie jetzt bekannt wird, gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft strafrechtliche Ermittlungen gegen Babboe eingeleitet. Offenbar hat das Unternehmen die niederländische Behörde jahrelang darüber getäuscht, wie groß das Problem und das Sicherheitsrisiko defekter Lastenradrahmen wirklich ist.

Die Ermittler stützen sich dabei offenbar auch auf neues belastendes Material. Zahlreiche Fotos, Dokumente und Audioaufnahmen, die dem Sender „RTL Nieuws “ vorliegen, könnten die Vorwürfe erhärten. In den Audioaufnahmen zum Beispiel sollen Mitarbeiter unter anderem darüber berichten, wie sie defekte Rahmen vor dem Eintreffen der Beamten „weggeschleppt“ und „in Containern oder Bussen“ versteckt hätten.

Babboe bestätigt auf seiner niederländischen Internetseite , dass „eine strafrechtliche Untersuchung der Handlungen von Babboe in den letzten Jahren eingeleitet“ worden sei. Der Hersteller werde aktiv und transparent mit der Behörde zusammenarbeiten. „Dies steht im Einklang mit den Werten, für die wir stehen.“ Sollten sich die Berichte über eine mögliche Täuschung von NVWA-Mitarbeitern als wahr erweisen, so lehne Babboe das entschieden ab und distanziere sich davon.

Weitere Rückrufe möglich

In einer dokumentierten Stellungnahme  von Accell gegenüber dem Sender betont der Mutterkonzern, dass man bereits nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Februar eine interne Untersuchung eingeleitet habe. „Wir halten es für wichtig, dass Signale von Mitarbeitern und Kunden ernst genommen werden und zu entsprechenden Maßnahmen führen. Dies hätte in der Vergangenheit schneller und besser geschehen müssen“, räumt Accell ergänzend zum Statement von Babboe ein. Man stehe mit der NVWA in Kontakt und arbeite „intensiv an der Organisation eines Rückrufs“. Ob davon weitere Modelle über die ersten vier bekannten Modelle hinaus betroffen sind, lässt Accell offen.

Eine detaillierte Anfrage des manager magazins an Accell zu den Vorwürfen blieb zunächst unbeantwortet.

„Wirklich schockierend“

Gegenüber „RTL Nieuws “ zeigte sich ein Sprecher der NVWA über das Verhalten von Babboe mit Blick auf das mögliche Verstecken von defekten Rahmen höchst erbost. Dies sei „wirklich schockierend und geradezu ekelhaft“, zitiert der Sender Sprecher Björn Esebrock. Nach Angaben der Behörde sei „die Sicherheit der Menschen ernsthaft beeinträchtigt“ worden. Eine strafrechtliche Untersuchung sei nun im Gange. Die Ermittlungen würden vom eigenen NVWA-Dienst – dem Intelligence and Investigation Service (IOD) – und der Staatsanwaltschaft durchgeführt.

Laut einem Schreiben an die Händler, das dem Magazin „Velobiz“ vorliegt, ruft Babboe in Deutschland zusätzlich noch das Modell „City Mountain“ zurück, das vor 2020 produziert wurde. Kunden zahlreicher anderer Modelle empfehle Babboe zudem, ihr Lastenrad zu einem Händler zur kostenlosen Inspektion zu bringen. Eine entsprechende Checkliste werde den Babboe-Fachhändlern nach den Osterfeiertagen zugestellt.

Kosten wohl in dreistelliger Millionenhöhe

Früheren Angaben einer Accell-Sprecherin zufolge hat Babboe allein in seinen beiden wichtigsten Märkten Niederlande und Deutschland insgesamt rund 15.000 Lastenräder zurückgerufen. Vermutlich dürften jetzt noch Zigtausende dazukommen. Babboe verkauft seine Lastenfahrräder in 30 Länder weltweit. Die Kosten für den Rückruf allein in seinen zentralen Märkten könnten den Konzern bis zu 150 Millionen Euro kosten, berichtete unlängst das „Financieele Dagblad “ unter Berufung auf Insiderschätzungen.

Accell führt mehr als ein Dutzend Fahrradmarken unter seinem Dach und war im Jahr 2022 von der US-Beteiligungsgesellschaft KKR für rund 1,56 Milliarden Dollar von der Börse genommen worden. Accell ist hoch verschuldet. Analysten halten seine Kapitalstruktur für „nicht tragfähig“. Der Konzern hat nach seiner Übernahme durch KKR in kurzer Zeit führende Posten im Management mehrfach neu besetzt, die Kreditgeber fürchten mittlerweile um ihr Geld.

Whistleblower sollte offenbar gekündigt werden

Mit welch harten Bandagen Babboe in dem Fall agiert, zeigt sich auch daran, dass es einem Mechaniker, der seit über 12 Jahren bei dem Hersteller arbeitet, im Dezember 2023 zu kündigen versuchte – gut zwei Monate bevor die NVWA ihre Entscheidung zur vorübergehenden Einstellung des Verkaufs erließ. Dies berichtet die „NL Times “ unter Berufung auf Unterlagen des zuständigen Bezirksgerichts in Amersfoort. Laut Urteil vom 5. März  wurde Babboe aber verpflichtet, die Kündigung zurückzunehmen und dem Angestellten die Anwalts- und Gerichtskosten zu erstatten.

„In dem Umfang bislang einmalig“: Allein in den Niederlanden und Deutschland ruft Babboe bislang 15.000 Lastenräder zurück – und verspricht Ersatzfahrräder

„In dem Umfang bislang einmalig“: Allein in den Niederlanden und Deutschland ruft Babboe bislang 15.000 Lastenräder zurück – und verspricht Ersatzfahrräder

Foto: Sylvain Robin / Pond5 Images / IMAGO

Der 47-jährige Mechaniker hatte sich dem Bericht zufolge im September 2023 an die niederländische Whistleblower-Behörde gewandt, nachdem seine wiederholten Hinweise über teils „lebensbedrohliche“ Sicherheitsprobleme an Lastenrädern innerhalb des Unternehmens anscheinend ignoriert wurden. Das Unternehmen habe nichts gegen die geschilderten Probleme unternommen. „Im Gegenteil, er wurde zum Schweigen gebracht und als schwieriger Mitarbeiter dargestellt“, zitiert die „NL Times“ seinen Anwalt.

KKR und Gläubiger wollen Accell offenbar weiter stützen

An einen Fahrrad-Massenrückruf, wie er jetzt in den Niederlanden und Deutschland anläuft und vielen anderen Ländern Europas anstehen dürfte, kann sich keiner der Gesprächspartner erinnern, die das manager magazin bislang zum Fall Babboe befragt hat. „In dem Umfang ist das bislang einmalig“, erklärte kürzlich ein Industrieexperte, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Wenn sie wirklich alle Bikes ersetzen müssen, dann droht dem Hersteller die finanzielle Katastrophe.“

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Accell hatte unlängst gegenüber manager magazin erklärt, dass der Konzern seine Lastenradtochter finanziell und organisatorisch unterstütze. Der Mutterkonzern selbst habe sich laut einem weiteren Bericht des "Financieele Dagblad " vor wenigen Tagen habe von seinen Eigentümern und Gläubigern weitere finanzielle Unterstützung zusichern lassen, um die Kosten defekter Babboe-Räder zu stemmen. Das hätte der Einkaufsleiter des Fahrradkonzerns in einem Brief an besorgte Lieferanten geschrieben, ohne Details zu nennen.

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