Daniel Kehlmann hat eine brillante Kafka-Serie geschrieben, und Joel Basman verkörpert den Dichter, ohne in die Falle der alten Mythen zu stolpern

Daniel Kehlmann hat eine brillante Kafka-Serie geschrieben, und Joel Basman verkörpert den Dichter, ohne in die Falle der alten Mythen zu stolpern
Durch: Feuilleton Erstellt am: April 02, 2024 anzeigen: 12

Zum hundertsten Todestag von Franz Kafka erzählen eine TV-Serie und ein Kinofilm das Leben eines der rätselhaftesten Dichter in poetisch genauen Bildern noch einmal neu.

Milena Jesenská (Liv Lisa Fries) und Franz Kafka (Joel Basman) geben sich Träumereien hin, doch Milena versucht zugleich, den geliebten Dichter aus seiner Lust am Leid zurückzuholen.

PD

Wenn die Literatur ins Fernsehen oder auf die Leinwand gerät, ist ihre Sache meist schon verloren. Die Sache, das wäre das Rätsel, das uns ein bedeutendes Werk aufgibt. Jede Lektüre hat den weiterführenden Text jener Fragen zur Folge, die sich nie ganz beantworten, dafür aber neu und anders formulieren lassen. Leser und Leserinnen schreiben das Werk fort mit dem Text ihrer Verstehens- und Auslegungswünsche.

Im Fernsehen und im Kino treten die Bilder an die Stelle der Sprache; die Dichtung wird Szenario, Kulisse und Spielhandlung. Die Imagination der Lektüre ist konkret, aber auch beweglich. Der Johann Buddenbrook hat seit Heinrich Breloers Verfilmung für immer das Gesicht von Armin Mueller-Stahl. Deshalb sind selbst die besten Literaturverfilmungen eine Freiheitsberaubung. Die Assoziation des Lesenden unterliegt der Projektion des Mediums. Unsere Vorstellung von Johann Buddenbrook mag heute geprägt sein vom Film, nach späterem Lesen von Thomas Manns Roman jedoch wesentlich anders aussehen.

Und jetzt Kafka. Ausgerechnet der Autor, der von sich selber sagte, er «bestehe aus Literatur». Der sich selbst in Tausenden Tagebuch- und Briefseiten schriftlich so weit ausbuchstabierte, dass das Text-Ich übermächtig, der real existierende Autor aber immer fragwürdiger und fragiler wurde. Wer dieses Prosa-Massiv besteigt, schaut am Ende nicht auf eine Biografie herab, sondern auf das weite Feld der Literatur. Kafkas riesiges «journal intime» ist nicht die Konkretisierung einer Persönlichkeit, sondern das Zurücktreten eines Ich hinter das Selbst der Sprache.

Der Autor verschwindet im Werk

Lebensverfilmungen aufgrund von Tagebüchern basieren oft auf dem, was der englische Literaturtheoretiker Terry Eagleton den «humanistischen Trugschluss» nannte. Man hält den literarischen Text – und was wären die Tagebücher Kafkas anderes als Weltliteratur? – für eine Transkription der lebenden Stimme einer realen Person. Die Intention des schreibenden Subjekts zur verbindlichen Instanz ihrer Werke zu erheben, das ist die Falle, die Kafkas Dichtung gerade seinen Lebensverfilmern aufgestellt hat.

Kafka selbst hat den prekären Status seiner Autorität von Anfang an erkannt. Sein Schreiben diente ihm dazu, den Autor im Werk verschwinden zu lassen. Die Person sollte entmystifiziert, ja vergleichgültigt werden, damit das Œuvre umso mächtiger sein konnte. Der «Autor als Verstehensnorm», wie es Roland Barthes nannte, hatte mit Kafka endgültig ausgedient; konsensfähiges Wissen zur Ermittlung der Bedeutung seiner Texte war von ihm nicht zu erwarten. So konnten an die Stelle des Dichters als Wächter über die Sinnkonstruktionen seiner Texte die Leser treten. Vom Primat der Eindeutigkeit befreit, wird die literarische Rede zum Spielmaterial der Rezipienten.

Das erklärt die andauernde Konjunktur dieses Autors. Anders als bei Thomas Mann und später bei Günter Grass, den obersten Gesinnungsbefehlshabern der deutschen Literatur, hatte sich Kafkas poetisches Sprechen gerade in der autobiografischen Prosa von der Attitude des Überzeugens und Wissens in und durch Sprache befreit. Nur mit Macht wäre dieser Dichter zurückzuzwingen gewesen in die Rolle des Text- und Bedeutungssouveräns. Es ist ein Glücksfall sowohl für die Literatur als auch für Kino und Fernsehen, dass «Die Herrlichkeit des Lebens», der Kafka-Film von Georg Maas und Judith Kaufmann, lediglich ein bisschen, die ARD-Serie «Kafka» aber gar nicht dieser Versuchung erlegen ist.

Ein Leben wird in Geschichten aufgefächert

«Die Herrlichkeit des Lebens» bebildert das letzte Lebensjahr des Autors: der tuberkulosekranke Kafka (Sabin Tambrea) an der Seite von Dora Diamant (Henriette Confurius), seiner Geliebten. Vorlage war Michael Kumpfmüllers gleichnamiger Roman, eine feinsinnige Subversion der gängigen Kafka-Klischees. Bei Kumpfmüller erscheint der Künstler nicht als kreatives Monstrum, das die Lebenskräfte wehrloser Frauen verschlingt, sondern als Liebender einer selbstbewussten Gefährtin. Der Film überträgt diese Konstellation artig auf die Leinwand, das ergibt inszenatorisch Sinn.

Warum die romanhafte Interpretation einer Lebensphase von Kafka, die ihrerseits schon hochliterarisch vermittelt war, noch einmal ästhetisch variieren? «Im Auslegen seid frisch und munter! / Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter» – Goethes «Xenien»-Wort kommt hier mit filmästhetischen Mitteln zu seinem Recht. Maas und Kaufmann unterlegen Kumpfmüllers Text mit geschmackvollen Bildern, verfahren also weder didaktisch noch kritisch, sondern kulinarisch. Wohl bekomm’s, Kinogeher. Für alles Weitere gibt es ja die Literatur.

Die sechsteilige Kafka-Serie der ARD, geschrieben von Daniel Kehlmann und David Schalko, verfährt genau entgegengesetzt. Die Biografie des Dichters wird als nicht zu lösendes Rätsel begriffen, und so wie Kafka seine Themen umkreiste, ohne ihnen ein Sinnzentrum zuzuweisen, so erschliesst sich die Serie ihren Gegenstand in konkurrierenden Perspektiven. Kafkas Vita wird aufgefächert in Geschichten von der Familie, vom Büro, von Max Brod und Felice Bauer, Milena Jesenská und Dora Diamant. Dabei werden literarischer Erzählstoff und biografisches Material überblendet.

Der Effekt ist faszinierend: Der Schriftsteller erscheint als konkreter Akteur aussertextlicher Wirklichkeit und zugleich als collagierender Schreiber, der sein Leben als Spielfeld ästhetischer Konfigurationen begreift. Das empiristische Bedürfnis, Kafka darzustellen, wird demontiert durch die Weigerung, diesen Autor und sein Werk festzulegen und zu beherrschen. So halten sich Rekonstruktion und Dekonstruktion in virtuoser Weise die Waage.

Als Ganzes betrachtet, eröffnet diese Serie einen Raum, in dem sich das dichterische Subjekt zwischen Verschwinden und Selbstsetzung bewegt. Die pathetische Inszenierung künstlerischen Schöpfertums bleibt aus. Es geht hier nicht um die romantische Wiedergabe eines Dichterlebens, sondern um die Suggestion von Kreativität. Kehlmann, Schalko und ihr Berater, der Kafka-Biograf Reiner Stach, sind selber Collagierer des Textmaterials, das ihnen die literarische Tradition zugespielt hat.

Den Autoren dieser Serie ist nicht weniger als eine Gegentheologie zu den bewährten Dogmen der Kafka-Verklärung gelungen. Schon die Besetzung der Hauptrolle folgt dieser Idee: Joel Basman spielt Kafka als Agenten seiner eigenen Widersprüchlichkeit, streckenweise mehr allegorische Entsprechung einer modernen Poetik als Verkörperung neurotischer Abweichungen von der sozialen Norm. Eine fulminante Leistung.

Der Sohn und sein übermächtiger Vater: Franz Kafka (Joel Basman, links) und Hermann Kafka (Nicholas Ofczarek).

Der Sohn und sein übermächtiger Vater: Franz Kafka (Joel Basman, links) und Hermann Kafka (Nicholas Ofczarek).

PD

Milena liest Kafka die Leviten

Dazu enge, surreal verformte Räume, theaterhafte Auftritte, halluzinatorische Ansichten einzelner berühmter Motive – der Käfer aus der «Verwandlung», die Gehilfen des Landvermessers aus dem «Schloss» –, Verengung ganzer Lebensphasen auf den Einzelmoment: Kehlmann und Schalko kommentieren Kafkas Leben nicht, sie arrangieren und gruppieren seine Versatzstücke mit allen Kniffen des Filmerzählens neu.

Ein Beispiel soll genügen, weil Spoiler so lästig sind wie geschwätzige Klappentexte. Die Beziehung zu Milena (Liv Lisa Fries), der Feuilletonistin und Übersetzerin, schnurrt in Folge fünf auf einen Spaziergang zusammen. Zwei Liebende im Gespräch, und irgendwann kommt der vom therapiegeschulten Zuschauer ersehnte Ausbruch Milenas, die Kafka die Leviten liest. Er solle doch bitte aufhören mit der Selbstverkleinerung und endlich einmal etwas zu Ende schreiben. «Ein schrecklicher Riese bist du, während wir alle hilflos ins Leben verstrickt sind!»

Hier spricht die – neudeutsch formuliert – Co-Abhängige des verletzlichen Narzissten, nun sei es genug mit der Lust am Leid. Krankheitsgewinn nannte Freud diese Bewirtschaftung eines Symptoms zum eigenen Vorteil. Eine Folge weiter dann trifft Kafka auf Franz Werfel, seinen berühmten Schriftstellerkollegen. Er habe sein, Werfels, Theaterstück «Der Schweiger» gelesen. Es sei wie ein «Hindurchwaten durch reinen Schlamm» gewesen, sagt Kafka zu Werfel. «Sie haben den einsamen gequälten Menschen zu einem Verrückten gemacht, zu einem Fall für die Psychoanalyse.»

So stehen sich psychologische Aufklärung und künstlerische Seinserfahrung kompromisslos gegenüber. Nur eine grosse Filmerzählung vermag derartige Brüche auszuhalten und für ihr Spiel zu nutzen. Die Kafka-Serie ist eine solche Erzählung.

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