Reisners Blick auf die Front: "Die Russen haben zwei Vorteile"

Reisners Blick auf die Front:
Durch: Politik Erstellt am: April 02, 2024 anzeigen: 7

In der Ukraine üben die Russen weiter großen Druck auf die Stellungen der Verteidiger aus. Eine Verschnaufpause dürfte demnächst die Schlammperiode bringen, wie Oberst Reisner vom österreichischen Bundesheer im Interview mit ntv.de sagt. Danach dürften die Russen wieder verstärkt angreifen.

ntv.de: Das orthodoxe Ostern ist erst am 5. Mai, aber gab es dennoch etwas mehr Ruhe über das Feiertagswochenende als sonst?

Markus Reisner: Nein, im Gegenteil. Wir haben wieder einen massiven russischen Luftangriff gesehen, insbesondere auf die Energieversorgung. Die Kulminationsphase der zweiten russischen Winteroffensive dauert an, mit massiven Angriffen in den letzten Tagen. Die Ukraine versucht ihrerseits, mittels Drohnen nach Russland hineinzuwirken. Von einem Osterfrieden war also nichts zu spüren.

Die Ukrainer arbeiten mit Hochdruck daran, die zweite Verteidigungslinie bei Awdijiwka auszubauen. Wie sieht es dort aus? Sind die Russen weiter vorgerückt?

Betrachtet man die letzten 48 Stunden, so sieht man wieder massive russische Angriffe. Offenbar sind die Russen davon überzeugt, jetzt einen Durchbruch erzielen zu können. Die Ukrainer halten sie noch immer an einer Verzögerungsstellung westlich von Awdijiwka auf, wo die Russen die erste Verteidigungslinie überwunden haben. An dieser Verzögerungsstellung wird noch immer heftig gekämpft. Die Situation erinnert an die Zeit vor der Frühjahrs- und Sommeroffensive der Ukraine im vergangenen Jahr. Die Ukrainer hatten große Probleme, die russischen Stellungen zu durchbrechen. Genau das Gleiche beobachten wir jetzt umgekehrt.

Das heißt, die Russen tun sich nach wie vor sehr schwer, überhaupt vorzurücken?

Genau. Die Russen haben allerdings zwei Vorteile. Bei der Artillerie sind sie klar überlegen. Laut General Syrskyj ist das Verhältnis mittlerweile 1:6. Das heißt, auf eine ukrainische Granate kommen sechs russische. Das Zweite ist der Einsatz der Gleitbomben vom Typ FAB. Der zermürbt die ukrainischen Stellungen. Der Oberbefehlshaber General Syrskyj versucht, den einzelnen Abschnitten der Front Ressourcen zuzuweisen. Bislang funktioniert das gut, aber die Frage ist, wie lange noch.

Warum nutzen die Ukrainer diese Gleitbomben nicht?

Sie haben keine vergleichbaren Systeme in ausreichender Stückzahl. Sie fordern seit langem die Lieferung von Boden-Boden- oder Luft-Boden-Systemen, wie die ATACMS-Raketen oder JDAM-Präzisionsbomben aus US-Produktion. Sie haben eine begrenzte Anzahl von Marschflugkörpern Scalp und Storm Shadow. Aber alles nicht in den Mengen wie Russland sie immer noch produzieren kann. Mit Fliegerabwehr könnten sie sich dagegen wehren, doch die wird dringend zum Schutz der Städte benötigt und fehlt somit an der Front. Laut Präsident Selenskyj werden fünf bis sieben weitere Patriot-Systeme benötigt. In diesem Zusammenhang sind auch drastische Aussagen zu verstehen, wie die des ukrainischen Außenministers Kuleba, der kürzlich sagte: "Gebt uns diese verdammten Patriots."

Von den Hunderttausenden Artilleriegranaten, die europäische Länder auf Initiative Tschechiens anschaffen wollten, ist also auch noch nichts zu spüren?

Nein, das dauert seine Zeit. Interessant ist aber, dass andere Länder Waffen bekommen, die der Ukraine vorenthalten werden. Polen bekommt mehr als 800 Marschflugkörper, Israel bekommt von den USA weitere über 1800 Präzisionsbomben und möglicherweise sogar 50 F-15 Kampfflugzeuge.

Polen bekommt Waffen, die Ukraine aber nicht. Wie ist das zu verstehen? Lässt man die Ukraine womöglich am ausgestreckten Arm verhungern?

Zunächst einmal ist ganz entscheidend dabei, dass für die NATO die Länder Priorität haben, die Mitglied des Bündnisses sind. Das sind Polen und auch die baltischen Staaten, die Ukraine aber nicht. Wir erkennen hier die Frontlinie des neuen Kalten Krieges, des Kalten Krieges 2.0. Das geht von der Arktis über das Baltikum durch Ostmitteleuropa bis über den Bosporus in die Levante. An dieser Linie werden neue militärische Dispositive geschaffen zur Abschreckung Russlands. Polen ist jetzt Frontstaat, so wie früher die Bundesrepublik Deutschland. Viele diese Maßnahmen zielen darauf ab, eine konventionelle Zweitschlags- aber auch Abschreckungsfähigkeit gegen einen russischen Angriff herzustellen. Man zeigt dem Aggressor, dass man nicht bereit ist, einen Angriff auf das eigene Territorium zu akzeptieren.

Wird die Ukraine fallen gelassen?

Es ist zu früh, das zu sagen. Wir sehen ja, dass die westlichen Regierungen weiter entschlossen sind, der Ukraine zu helfen, trotz gewisser Ermüdungserscheinungen. Die Stärkung der NATO und die Hilfe der Ukraine sind kein Widerspruch. Im Gegenteil, sie verfolgen das gleiche Ziel. Russland soll mit seinem völkerrechtswidrigen Angriff nicht durchkommen und auf gar keinen Fall Appetit auf mehr bekommen.

Die Ukraine hat ihre Drohnenproduktion stark hochgefahren, manche können bis zu 1000 Kilometer weit fliegen. Was können die Drohnen erreichen? Können sie fehlende Raketen und Marschflugkörper ersetzen?

Diese Drohnen sind im Moment auf taktischer Ebene überaus hilfreich, aber natürlich nicht das, was man für einen lange anhaltenden Kampf braucht. Die Langstreckendrohnen werden hingegen für Angriffe auf russischem Boden genutzt. Das hat drei Effekte. Zum einen ruft die Ukraine der russischen Bevölkerung in Erinnerung, dass der Krieg nicht nur in einem anderen Land stattfindet, sondern sie auch direkt betrifft. Außerdem zwingt man die Russen, Fliegerabwehr im eigenen Land einzusetzen, die dann womöglich an der Front fehlt. Das würde den geplanten Einsatz von F-16 begünstigen. Nicht zu unterschätzen ist die Wirkung selbst. Wenn Drohnen in Raffinerien einschlagen, bricht die Produktion ein. Man nimmt an, dass die bereits jetzt um 10 bis 15 Prozent zurückgegangen ist. Das ist durchaus signifikant.

Zum 1. April beginnt eine neue Einberufung in Russland. Dank solcher Reserven schafft es Russland, die hohen Verluste zu kompensieren. Den Rekruten wird versprochen, dass sie nicht in der Ukraine eingesetzt werden. Glauben Sie das?

Nein, das glaube ich nicht. Es gibt genug Beispiele von russischen Soldaten, die unter falschen Versprechungen eingezogen wurden. Spätestens nach Ablauf der Wehrpflicht können die Soldaten in Vertragsverhältnisse überführt werden und ab dem Moment sind sie überall einsetzbar. Der Soldat, der dachte, er habe einen ruhigen Job in der Etappe, findet sich dann an vorderster Front in Awdijiwka wieder. Russland kann so immer wieder neue Kontraktniki generieren. Man geht davon aus, dass mittlerweile zweieinhalb Mal so viele Soldaten in der Ukraine im Einsatz sind, wie bei Beginn der Invasion vor zwei Jahren. Statt der 190.000 Männer dürften es jetzt 500.000 bis 550.000 sein.

Gerade kulminiert die zweite Winteroffensive der Russen, im Frühjahr soll eine Frühjahrsoffensive folgen. Dazwischen liegt die Schlammperiode Rasputiza. Wann ist damit zu rechnen?

Wir sehen bereits, dass der Winter in die Schlammperiode übergeht. Der auftauende Boden wird weich, wodurch schwere Fahrzeuge nicht mehr manövrieren können. Diese Phase wird mehrere Wochen dauern, das hängt von der Witterung ab. Dann beginnen die Angriffe von neuem. Die massiven russischen Angriffe bei Tonenke und Robotyne sind ein Vorgeschmack dessen, was im Frühjahr und Sommer kommen wird. Die Schlammperiode ist dabei eine Verschnaufpause für die Ukraine. Das gilt aber nur für die Truppen und Truppenbewegungen am Boden. Der taktische Drohnenkampf und die strategische Luftkriegsführung werden hingegen unvermindert weitergehen.

Die Russen greifen außerdem massiv die Energieversorgung an - warum eigentlich jetzt und nicht schon im Winter? Jetzt sind die Folgen weniger dramatisch, weil mit dem endenden Winter nicht mehr so viel geheizt werden muss.

Darüber wird auch in den russischen sozialen Netzwerken diskutiert. Es gibt mehrere Erklärungsversuche. So könnte es sein, dass die Russen Raketen und Bomben aufsparen mussten, um so massiv anzugreifen und den Ukrainern nicht die Gelegenheit zu geben, zwischenzeitlich die Versorgung wieder instandzusetzen. Außerdem wird gemutmaßt, dass die vielen Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Ukrainern und Russen eine Rolle spielen könnten. Demnach wäre es das Ziel der Russen, den Druck nicht zu stark zu erhöhen, damit sich die Ukrainer womöglich gegen die eigene Regierung stellen. Das kommt mir aber eher wie Wunschdenken vor. Ein Grund könnte auch sein, dass die Russen Probleme haben, die mittlerweile stark dezentralisierte Energieversorgung aufzuklären. Dadurch kann es zu zeitlichen Verzögerungen kommen. Fakt ist, dass die Angriffe eine viel verheerendere Wirkung gehabt hätten, wenn sie im Winter durchgeführt worden wären. Das war aber nicht der Fall.

Ostern ist das Fest der Hoffnung. Was macht Ihnen Hoffnung in dieser Phase des Krieges?

Um ganz ehrlich zu sein: nicht viel. Wir sind mittlerweile im dritten Kriegsjahr und sehen, dass das Sterben auf beiden Seiten weitergeht. Wir sehen auch, dass der Konflikt in der Ukraine nur ein Konflikt von vielen ist, die sich auf globaler Ebene abspielen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Welt aus den Fugen gerät. Auf der anderen Seite bleibt es bemerkenswert, dass es die Ukraine schafft, auch im dritten Kriegsjahr dagegenzuhalten. Damit hat niemand gerechnet. Die große Frage ist, ob die Ukraine die Ressourcen bekommt, die sie in diesem Abnutzungskrieg braucht. Wir sehen, dass Russland langsam das Momentum zurückgewinnt. Wir müssen davon ausgehen, dass Russland wieder in die Offensive geht. Das macht wenig Hoffnung, und man muss mit Ernüchterung feststellen, dass dieser Krieg in die nächste Runde geht.

Mit Markus Reisner sprach Volker Petersen

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