Zwischen den Weltkriegen bricht das alte Pariser Bürgertum in sich zusammen. Julien Green hat den Absturz in einem Epochenroman festgehalten

Zwischen den Weltkriegen bricht das alte Pariser Bürgertum in sich zusammen. Julien Green hat den Absturz in einem Epochenroman festgehalten
Durch: Feuilleton Erstellt am: April 05, 2024 anzeigen: 14

Der französische Schriftsteller zeigt in seinem Roman «Treibgut» das Paris der 1930er Jahre von seiner abgründigen Seite.

Ein guter Bürger sieht das Bürgertum am Abgrund. Der französische Schriftsteller Julien Green in einer undatierten Aufnahme.

Imago

In einer nebeligen Pariser Oktobernacht geht ein gewisser Philippe Cléry aus seinem bourgeoisen Viertel hinunter an die Seine. Treppen und steile Gässchen führen immer tiefer in einen Schlund der Armut und des Verbrechens. Am Quai hört er ein streitendes Paar und dann den hilflosen Schrei der Frau. Da läuft Philippe ganz schnell zurück zu sich nach Hause. In den mit chinesischen Teppichen ausgelegten Salon. Ins schnörkelverzierte bürgerliche Leben, das hinter den schnörkelverzierten Pariser Häusermauern genauso prätentiös ist wie diese: reine Fassade.

Eigentlich ist diese Geschichte allein schon die Kurzschrift für die Abstiegsängste des französischen Bürgertums zwischen den Weltkriegen, aber Julien Green hat daraus einen melancholisch dahingleitenden Roman gemacht. «Treibgut» beschreibt Symptome. Das Buch ist metaphorisch zu verstehen, aber lesen kann man es wortwörtlich: Da will einer sehen, wie es ganz unten aussieht. Er treibt sich herum in Vierteln, die so dunkel sind wie seine Seele, und am Ende fürchtet er sich vor nichts so sehr wie vor sich selbst.

Ein Jahrhundert stirbt

Julien Greens Roman «Treibgut» ist 1932 erschienen und hat unter den Lesern des damaligen Welterfolgsautors einen Schock der Ernüchterung ausgelöst. Nach den ersten drei, scheinbar der Orte enthobenen Büchern war da plötzlich etwas kompromittierend Reales. Eine Stadt und ein Sozialdrama, dessen Handlungswege man nachgehen konnte. Von der noblen Avenue du Président Wilson bis in die Rue Beethoven. In ein abgründiges, schattenseitiges Paris, wo die Wasserleichen der Seine dennoch alltäglich und unerheblich sind, verglichen mit dem spät sterbenden 19. Jahrhundert des Romans.

In «Treibgut» ist so gut wie alles aus der Zeit gefallen. Bei diesem morbiden Ausstattungstheater einer untergehenden Welt erschrickt man, wenn auf den Boulevards plötzlich Autos auftauchen, und es verwundert, dass die Hauptfigur ein Taxi nimmt und keine Pferdedroschke. Das Geld, das Greens Helden so mündelsicher versorgt, stammt aus altem Familienbesitz. Von einer Kohlenmine, deren Verwaltungsratssitzungen Philippe Cléry, Greens Hauptfigur, genervt durchgähnt. Die Dinge interessieren ihn nicht, und er hat auch keine Ahnung.

Wer von wenig Dingen eine Ahnung hat, ist oft ein geheimer Künstler, und das denkt Philippe auch über sich. Ein zweifelhafter Held, oder mit den Worten des Romans: «Sicher entging ihm kaum die lächerliche Seite seines Lebens, doch er gab ihr gern einen universellen Sinn und bezeichnete als menschliche Unvollkommenheit, was nichts war als seine sehr persönliche Willensschwäche. Jemand mit etwas mehr Zynismus hätte über dieses ewige Zurückweichen vor sich selbst gelacht, ihm aber fehlte diese Heiterkeit.»

Philippe Cléry ist Julien Greens Mann ohne Eigenschaften. Bei ihm zittern alte Rituale nach, aber es gibt keine innere Bewegung mehr. Der immer noch junge Herr hat wenig zu tun. Er widmet sich seiner Fitness und trägt Massanzüge. Seine Frau Henriette hat er seit der Geburt des gemeinsamen Sohnes Robert nicht mehr berührt. Henriettes Schwester Éliane allerdings verzehrt sich in entsagungsvoller Weise nach dem Hausherrn dieser seltsamen Menage-à-trois.

Zu dritt lebt man in der grossen Wohnung im 16. Arrondissement. Jeder ist einsam ganz für sich. Jeder geht seiner Wege. Philippe flaniert durch die Stadt, Henriette läuft zu ihrem heimlichen Geliebten, der so arm ist, wie sie und ihre Schwester es einmal waren. Dieser Victor rührt die filigrane Achtundzwanzigjährige. Seine winzige ungeheizte Wohnung mit den schäbigen Tapeten ist erinnerte Heimat. Das Glück des Aufstiegs in eine neue gesellschaftliche Klasse hat lebensentleerende Langeweile mit sich gebracht.

Wäre Julien Green nicht ganz so sehr Parfümeur des Stils, könnte man seinen Roman auch ganz anders nacherzählen: Unausgelastete Ehefrau stürzt sich in Drogen, Alkohol und Affären. Ihr Mann, dessen durchtrainierte Gutgebautheit der Roman nicht unterschlägt, ist heimlich homosexuell und narzisstisch obendrein. Élianes passiv aggressives Begehren setzt seine Selbstbeherrschung einem Druck aus, der die Sache auf fast komödiantische Art sprengen könnte.

Bourgeoise Selbstfesselungen

Es ist billig zu sagen, dass der Kessel, der da kocht, der Autor selbst ist. Aber ganz falsch ist es auch nicht. Die eigene Homosexualität hat Julien Green in seinem Werk nicht explizit gespiegelt. In «Treibgut» tut er es vielleicht doch. Der Abstieg des aus anderen Jahrhunderten kommenden Bürgertums, die Gefahr ökonomischer Katastrophen sind zum Zeitpunkt der Niederschrift des Romans kein Hirngespinst.

Was das Personal in «Treibgut» allerdings auch zu bannen versucht, ist ein befürchteter Abstieg in die Moderne. Jede Seite von Greens Buch führt exquisite bourgeoise Selbstfesselungen vor. Und es führt auch den Glauben vor, dass die Welt allein durch diese zu retten sei.

Die Übersetzungsgeschichte von «Treibgut», auf Französisch «Épaves», ist verwickelt und war qualitativ bis heute über einen ersten Versuch Friedrich Burschells aus dem Jahr 1932 nicht wirklich hinausgekommen. Jetzt hat Wolfgang Matz, der Kenner des Werks von Julien Green, die Sache in neue Dimensionen getrieben. Er hat Greens schwebende, sinnlich-synästhetische Sprache noch einmal neu in Fluss gebracht und damit an jenen Mythos geführt, der seit langem schon zum Autor gehört.

Der Erfinder der «écriture automatique», André Breton, hat Green als jenen Einzigen bezeichnet, der das automatische Schreiben wirklich in die Praxis umgesetzt habe. «Treibgut» ist der Bewusstseinsstrom einer in etwas Neues mündenden Epoche. Das schliesst gelegentliche Überschwemmungen nicht aus. Klarsichtige Analysen gehören genauso zu diesem Roman wie ungesund flackernde, gnadenlos unmoderne Hysterien.

Das Spektakel, das Julien Green vorführt, ist ein inneres. Draussen, beim finsteren Hauptakteur des Romans, ist alles beunruhigend ruhig. Paris liegt einfach nur da. Der Stadt ist es egal, wer sich in ihr den Kopf zerbricht und wer wem den Schädel einschlägt. Und wenn die Wasserleichen der Unglücklichen die Seine hinuntertreiben, dann kann es ein letztes Glück sein, wenigstens zum Treibgut der Literatur zu werden.

Julien Green: Treibgut. Roman. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Matz. Hanser-Verlag, München 2024. 400 S., Fr. 39.90.

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