Ugo Rondinone ist ein Regenbogen-Künstler: Er will niemanden deprimieren, seine Kunst ist immer gut gelaunt

Ugo Rondinone ist ein Regenbogen-Künstler: Er will niemanden deprimieren, seine Kunst ist immer gut gelaunt
Durch: Feuilleton Erstellt am: April 06, 2024 anzeigen: 15

Farbenfroh, facettenreich und fröhlich sind seine Werke. Sie sollen von allen verstanden werden. Der Schweizer Starkünstler will damit Brücken schlagen.

Die Kunst von Ugo Rondinone ist immer gut gelaunt.

Studio Rondinone

Ugo Rondinone macht positive Kunst. Das ist nicht selbstverständlich. Kunstschaffende schwören sich gerne auf das Negative ein. Einst aber war Kunst Affirmation. Sie war Bejahung des Lebens in all seinen Erscheinungsformen. Sie zelebrierte das Religiöse, sie feierte das Wunder Mensch, sie glorifizierte die Natur. Und plötzlich hatte Kunst alles zu sein, nur nicht mehr erfreulich.

Ugo Rondinone widersetzt sich diesem Gebot einer subversiven Moderne. Er zeigt uns, dass Kunst nicht hässlich sein muss. Seine Kunst schockiert nicht, sie begeistert. Seine Sternenbilder sind zwar dunkel, aber leuchten gleichwohl hell. Seine Sonnenbilder sind Lichtspender und Hoffnungsträger. «Ich möchte die Leute nicht deprimieren», sagt Ugo Rondinone. Und macht Kunst eben anders. Er schwimmt gegen den Mainstream.

Darin liegt beinahe etwas Skandalöses. Auch Rondinone ist dem Zeitgeist unterworfen. Wer nicht Revoluzzer ist in der Kunstwelt, der bleibt ein Unbekannter. Ugo Rondinone aber ist weltbekannt. Er ist ein Starkünstler.

Was macht ihn dazu? Was macht er richtig? Er malt Steine farbig an und türmt sie aufeinander wie bunte Spielklötze. Er formt grosse Köpfe mit lachenden Mündern. Ungelenke Basteleien, wie aus einem Klumpen Ton geknetet, sind diese grotesken Fratzen. Ihr Grinsen ist ansteckend. Rondinone macht Kinderkunst, frech und direkt.

Kinder haben einen unmittelbaren Zugang zur sinnlichen Welt. Rondinone hat‹ sich das Kindsein bewahrt. Das macht es ihm leicht, spielerisch und unverkrampft vieles anzusprechen, ohne den Bogen zu überspannen.›

Für die Kunst brach er eine Ausbildung zum Primarlehrer ab. Er ging an die Kunstschule nach Florenz, dann nach Zürich an die F+F-Schule, dann nach Wien an die Hochschule für angewandte Kunst. In New York schliesslich schaffte er den Durchbruch. Heute ist Rondinone einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler. Seine Werke finden sich in den grossen Museen und Sammlungen rund um den Globus.

Geboren 1964, ist er als Kind italienischer Immigranten in Brunnen in der Innerschweiz aufgewachsen. Früh zeigte er Sinn für Kunst. Und wurde gefördert. Er durfte ins Kloster zum Kunstunterricht. Etwas Schönes solle er machen, forderte man ihn jeweils auf. Und das tut er bis heute. Er macht schöne Kunst.

Der Künstler als Clown

Schöne Kunst allein, das wäre aber doch zu wenig. Es kam der Tod hinzu. 1989 verstarb sein Freund an Aids. Als Homosexueller dachte er, er sei der Nächste. Und sah plötzlich seine Lebenszeit als begrenzt. Das war ein Erweckungserlebnis. Fortan beschäftigten ihn Zeit und Vergänglichkeit, Sterblichkeit und Unendlichkeit, Jetztzeit und Zeitlosigkeit.

Ugo Rondinone versteht sich als Konzeptkünstler. Wenn er zeitliche Phänomene umsetzt, ist er Installationskünstler. Wie er das macht, zeigte er vor zwei Jahren in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle. «Life Time» prangte da als regenbogenfarbener Neon-Schriftzug über dem Ausstellungsgebäude. Und drinnen: menschliche Figuren, die einfach rumsitzen, nackt, entspannt, vielleicht etwas gelangweilt, in sich gekehrt.

Rondinone vertraut als Künstler seinem Bauchgefühl.

Rondinone vertraut als Künstler seinem Bauchgefühl.

Stefan Altenburger / Photography Z / Studio Rondinone

Das waren Abgüsse in Wachs von Tänzern und Tänzerinnen des Basler Balletts. Und das war Rondinones Kommentar zu unserer schnelllebigen Zeit. Das war sein Statement gegen Stress und Hektik, für Gelassenheit und Entschleunigung. «Life Time» ist ein Hoch auf unsere Lebenszeit auch in Anbetracht ihrer Vergänglichkeit. Das war fast schon philosophisch.

Aber keineswegs verkopft. Rondinone vertraut ganz dem Bauchgefühl. Nur so sei man als Künstler glaubwürdig, hat er einmal gesagt. Die Inspiration schöpft er aus sich selber. Beim Flanieren oder beim Herumliegen. Wie seine dösenden Clowns. Für diese Serie machte Rondinone einen Abguss von sich selber.

Sein Alter Ego als müder, melancholischer Clown ist auch eine Reflexion auf seine Rolle als Unterhalter in einem unersättlichen Kunstbetrieb, dessen Nachfrage er zu befriedigen hat bis zur Erschöpfung. Seine Clowns sind das einzig Traurige in seiner Kunst. Es ist allerdings eine versöhnliche Trauer: ein poetisch melancholischer Kommentar zum Lauf der Dinge.

Rondinone meditiert. Und pflegt die Langsamkeit. Das ermöglicht Achtsamkeit – das Schlupfloch aus dem Fluss der Zeit. Wie aus der Zeit gefallen wirken seine überlebensgrossen, archaisch anmutenden Steinmännchen, die er 2013 vor dem Rockefeller Center in New York aufstellte. Sie erinnern an Stonehenge, an irgendeine längst vergessene Religion, an irgendeinen mystischen Kult.

Kultig sind auch seine kreisrunden Sonnenscheiben. Das sind Andachtsbilder mit Sogwirkung. Sie huldigen dem Licht. Seine Bäume sind Altäre der Natur: knorrige, urwüchsige, beseelte Wesen, heilige Gewächse, in Aluminium gegossen. Rondinone hat einen Sinn für Spirituelles. Es geistert überall herum in seiner Kunst.

Visuelle Symbole

Rondinone ist ein vollblütiger Multimedia-Künstler. Er arbeitet mit abstrakter Malerei, mit Fotografie und Video. Selbst Comic ist ihm gut genug. Seine Kunst-Einfälle mögen bisweilen etwas beliebig wirken. Auf einen Stil lässt sich sein Werk nicht herunterbrechen. Der Wiedererkennungseffekt stösst an Grenzen. Damit schlägt er dem Markt, dem er kritisch gegenübersteht, ein Schnippchen.

Für Überraschungen ist Rondinone sowieso immer gut. So präsentierte er im Musée d’Art et d’Histoire in Genf auch schon kleine Pferde aus blauem bis türkisfarbigem Glas, die mit Wasser aus verschiedenen Weltmeeren gefüllt waren. Platziert waren sie vor Ferdinand Hodlers Gemälden mit dem blauen Genfersee. Das war wunderschön, das war magisch, sinnlich und auch sehr poetisch.

Bei all der schillernden Vielseitigkeit seines Werks gibt es dennoch verlässliche Konstanten. Sein künstlerisches Vokabular etwa: Es besteht aus Baum, Stein, Sonne, Glühbirne, Maske, Spiegel, Clown, Tür und Fenster. Das ist Rondinones visuelles Alphabet archetypischer Symbole, die jedermann versteht. Einen klaren Rahmen seines Schaffens stellt auch die Zeit dar: dies in ihrer vertrauten Einteilung in Stunden, Tage, Monate, Jahre und Jahrhunderte.

Zu den Wochentagen hat Rondinone die «Seven Magic Mountains» geschaffen: neonbunte Steinsäulen, die sich seit 2016 wie surreale Totems in der kargen Wüste Nevadas erheben – monumental und spielerisch leicht zugleich. Zum Jahreszyklus sind zwölf Maskenskulpturen entstanden. Zum Mondzyklus hat Rondinone zwölf Jahrhunderte alte Olivenbäume abgegossen und leuchtend weiss lackiert. Zu den vierundzwanzig Stunden hat er eine Installation mit vierundzwanzig verschiedenfarbigen Glühbirnen kreiert.

Kunst für das Herz

Um Rondinones Kunst zu begreifen, muss man kein Kunstkenner sein. Rondinone ist ein Künstler für alle. Seine Kunst ist leicht zugänglich. Wer sie betrachtet, muss nichts weiter verstehen. Verdacht auf Hintersinnigkeit ist nicht angebracht. «What you see is what you get.» Was du siehst, ist, was gemeint ist: Das trifft Rondinones Kunst punktgenau.

Rondinone verwahrt sich dagegen, ein politischer Künstler zu sein. Er ist es in bestem Sinn aber dennoch. Denn er ist ein Regenbogen-Künstler. Überall in seinem Werk erscheint der Regenbogen: Er schlägt Brücken zu allem und jedem. Als Symbol steht er für Frieden und Toleranz.

Schriftzüge in Regenbogenfarben sind denn auch sein Markenzeichen. «Cry me a river» ist ein solcher. Er ist dem traurigen Liebeslied von Ella Fitzgerald entlehnt. Bei Rondinone ist er aber kein Aufruf, über die Welt Tränen zu vergiessen. Für eine Ausstellung unter dem Titel «Cry me a river» hatte Rondinone auch schon Schulklassen eingeladen, Regenbogen und Sonnen zu malen.

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