Paris hat eine phantastische Innenstadt, an den Rändern der Metropole taucht man in eine ganz andere Welt ein. Anne Weber hat sie für ihren neuen Roman erkundet

Paris hat eine phantastische Innenstadt, an den Rändern der Metropole taucht man in eine ganz andere Welt ein. Anne Weber hat sie für ihren neuen Roman erkundet
Durch: Feuilleton Erstellt am: April 07, 2024 anzeigen: 21

«Bannmeilen» heisst das neue Buch der in Paris lebenden deutschen Autorin. Sie erforscht darin die Aussenbezirke der Stadt und gewinnt den trostlosen Gegenden einen eigenen Zauber ab.

Die Autorin Anne Weber in einer Aufnahme von 2020.

Helmut Fricke / DPA

In diesen Tagen wird in ganz Frankreich ein Foto von Emmanuel Macron diskutiert, das den französischen Präsidenten in Rocky-Pose mit martialisch gefletschten Zähnen und gut trainiertem Bizeps zeigt, wie er, zu allem entschlossen, einen Boxsack malträtiert. Die Botschaft, sagen die einen, gehe an Putin, derweil die anderen die Adressaten in den Kapuzenjungs der Banlieues von Paris vermuten – einer Gegend, die der frühere Präsident Nicolas Sarkozy «mit dem Kärcher ausräumen» wollte. Wohin solch eine kriegerische (Bild-)Rhetorik führt, kann man in Anne Webers neuem Roman «Bannmeilen» ausgezeichnet studieren.

Gehen, wo niemand geht. 600 Kilometer kreuz und quer durch die Vororte von Paris. Entlang mehrspuriger Schnellstrassen und Industriebrachen, vorbei an Müllhalden, trostlosen Wohnsilos, gottverlassenen Ladenmeilen, Sperrmüllbergen, verwahrlosten Friedhöfen und allem voran: Beton, Beton, Beton. Das ist kein Baustoff, der ansehnlich altert.

Keine Läden und keine Cafés. Und wenig Menschen, obschon die Banlieue eine der am dichtesten besiedelten Gegenden Frankreichs ist. Es gibt nicht einmal einen Unterstand, wenn es regnet. Und es regnet viel in diesen frühen Märztagen, kurz nach dem Abklingen der Pandemie, in denen die namenlose Erzählerin und ihr Freund Thierry ihre ausgedehnten Streifzüge jenseits des Autobahnrings um Paris aufnehmen.

Getrennt von einer Mauer

Das Département Seine-Saint-Denis ist eine berüchtigte Gegend, die aufgrund ihrer mit 93 beginnenden Postleitzahlen und Autokennzeichen auch «das neuf-trois» genannt wird. Von hier gehen regelmässig Strassenkrawalle aus, die nicht selten in Flächenbrände ausarten. Hier gehört das Terrain den sogenannten «chouffeurs», den Spähern der Drogendealer, deren langgezogene Rufe der Warnung vor der patrouillierenden Polizei die Erzählerin an «Alphörner denken (lassen), die einander über ein Tal antworten». Ein für diese «Müllhaldenwelt» ziemlich romantischer Vergleich. Warum tut man sich das an?

Warum überhaupt einen Fuss setzen in diese «Bannmeilen» ausserhalb des Périphérique, der die Stadt Paris säuberlich von den Vorstädten und deren Bewohnern trennt? Ist Paris intra muros doch eine der schönsten Städte der Welt! Dort gibt es Museen, Restaurants, prachtvolle Altbauten, gepflegte Parks, appetitanregende Auslagen in den Geschäften, einladende Strassencafés.

Dort lebt die Erzählerin, wenn auch am Rande, im 19. Arrondissement, kaum eine Viertelstunde von den Banlieues entfernt und doch durch den Périphérique wie durch eine unüberwindliche Mauer von ihnen getrennt. Für die Gegend in nächster Nähe hat sich die Schriftstellerin, die mit der Autorin einige Ähnlichkeit hat, in den vierzig Jahren, die sie in Paris lebt, bisher ganz und gar nicht interessiert.

Das ändert sich, als sie der Einladung ihres Freundes Thierry folgt, ihn auf der Suche nach Drehorten für einen Film zu begleiten, der die Veränderungen im Zuge der überall in den Banlieues entstehenden Grossbaustellen für die Olympischen Spiele 2024 dokumentieren soll. Plötzlich fliesst Geld in ein Gebiet, in dem schon lange keine Sanierungsmassnahme mehr für halbwegs lebenswerte Zustände sorgte. Nun sollen in unmittelbarer Nähe der abgewrackten Wohngebiete riesige neue Stadien und olympische Dörfer aus dem Boden gestampft werden.

Nur: Die Marokkaner, Algerier oder Franzosen mit Migrationshintergrund, die hier oft schon seit Generationen leben, sind auch noch da. Man kann sie nicht so einfach vertreiben wie etwa die Sans-Papiers, die in Notunterkünften unter Brücken vergeblich auf Legalisierung warten. Und die sich nun «ein anderes Schattenloch suchen, bis sie wieder vertrieben werden, von Schatten zu Schatten, bis zum letzten grossen Schatten, dem einzigen, der uns alle gleichmacht, besser als jede Revolution».

Zwischen zwei Welten

Auch Thierry, Sohn eines algerischen Vaters und einer französischen Mutter, ist in der Banlieue geboren und aufgewachsen und lebt noch immer dort. Als gebürtiger Franzose mit einem akademischen Abschluss, der, wie die Erzählerin frotzelt, in der französischen Schriftsprache spricht und Bio-Brot kauft, hat er ein ambivalentes Verhältnis sowohl zu seiner Herkunft als auch zu den ehemaligen französischen Kolonialherren.

«Entre deux ailleurs» – zwischen zwei Woanders – siedelt er seine Identität als Franko-Algerier an. Damit ist auch dieser Roman, der zwischen Selbstreflexion, atmosphärischen Impressionen und dem schnelleren Atem der literarischen Reportage spannungsreich oszilliert, nicht schlecht beschrieben.

Mit «Roman in Streifzügen» hat Anne Weber das Buch überschrieben; mitunter gemahnt diese aus topografischen Erkundungen und sorgfältiger Recherche kondensierte Komposition auch an ein vielstimmiges Protokoll. Ihm zugrunde liegen Unmengen von Notizen, die die Autorin jeweils am Ende des Tages zu Papier gebracht hat; Hintergrundinformationen aus dem Internet sind ebenso eingeflossen. Die Diktion gehorcht dem Impuls, die Sprache der wenig schmucken Umgebung anzupassen. Sie ist von der Vorsicht geprägt, jede Literarisierung des Elends zu meiden.

In ihrem letzten, mit dem Deutschen Buchpreis gekürten Buch «Annette, ein Heldinnenepos» hat Anne Weber die Geschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, die sich der algerischen Unabhängigkeitsbewegung anschloss, in Versform erzählt. In «Bannmeilen» nun ist die Auseinandersetzung mit den Spätfolgen des französischen Kolonialismus vor allem in selbstironische Dialoge geflossen.

«Banlieue für Extremtouristen» nennen die beiden ihre ausgedehnten Streifzüge, oder «Alternativtourismus mit sozialem Touch». Ihr Sarkasmus ist eine Form, sich gegen den ethnologischen Blick auf «die Fremde vor unserer Tür» zu wappnen. Es geht darum, sich so weit von Vorurteilen zu lösen, dass sich im vermeintlich Bekannten das Unerwartete zeigt.

Wer hätte beispielsweise gewusst, dass in nächster Nähe zu den Elendsquartieren die französische Notenbank ihre Bargeldreserven hortet, die grösste Summe in ganz Europa? Oder dass die international renommierte Gagosian-Galerie unmittelbar neben dem vornehmlich für Privatjets reservierten Flugplatz Le Bourget eine Dépendance besitzt?

Ein Refugium im Nirgendwo

An den Ufern der Marne, unweit einer aus verrosteten Konservendosen errichteten Elendstrutzburg von Obdachlosen, stossen die beiden Vorstadtpilger auf eine videoüberwachte Villenkolonie. Und in der Cité de la Muette auf ein Durchgangslager, wo während der deutschen Besatzungszeit 63 000 jüdische Gefangene gesammelt und von dort nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden sind. Eine historische Hypothek, der sich Frankreich ebenso wenig gestellt hat wie den Folgen der eigenen Kolonialherrschaft.

Davon zeugt auch der kahle muslimische Friedhof von Bobigny, der einzige im ganzen Land, wo die Gebeine der für die Grande Nation gefallenen Soldaten aus den ehemaligen Kolonien in Massengräbern verscharrt worden sind. «Ihnen gilt der Dank Frankreichs.»

Gehen, wo niemand geht: vorbei an mit Graffiti besprühten Lagerhallen, bis zum Oberdeck verkohlten Parkplätzen und gespenstischen Hypermarchés – das wäre, allen Widersprüchen und historisch bedeutsamen Trouvaillen zum Trotz, als Lektüre auf die Dauer dann doch etwas eintönig.

Zum Glück aber finden die beiden bald ein Café, in dem sich auch Frauen aufhalten (dürfen) und das allmählich zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Recherche wird – eine Art Refugium im Nirgendwo, das die Erzählerin wie auch das bunte Völkchen aus Randexistenzen, das sich hier zuverlässig versammelt, fest in ihr Herz schliesst. Ihre individuellen Geschichten geben der allgemeinen Geschichte einen Körper, ihre Art zu reden fängt der Roman in höchst komischen Monologen ein. Man könnte meinen, Anne Weber habe dieses Augen öffnende Buch auch für sie geschrieben.

Anne Weber: Bannmeilen. Ein Roman in Streifzügen. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2024. 304 S., Fr. 37.90.

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