Die Russen kennen keine Schuld

Die Russen kennen keine Schuld
Durch: Feuilleton Erstellt am: April 08, 2024 anzeigen: 14

Eingeständnisse bedeuten in Russland oft Bestrafung. Darum sind sie aus der Gesellschaft verschwunden. Das mache es Putin einfacher, seine Politik fortzusetzen, schreibt der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew.

Am 18. März 2024 versammeln sich nach den Präsidentschaftswahlen Putin-Anhänger auf dem Roten Platz in Moskau und warten auf die Rede des wiedergewählten Staatschefs.

Sefa Karacan / Anadolu / Getty

Meine Grossmutter Anastasia Nikandrowna war eine schöne Frau mit rosigen Wangen. Aber auch schönen Frauen kann es passieren, dass sie Tassen zerschlagen. Die blaue Tasse rutschte ihr aus der Hand, fiel auf den Küchenboden und zersprang in lauter Scherben, nur der abgebrochene Henkel lag in sinnloser Unversehrtheit in der Ecke.

Nie im Leben hätte meine Grossmutter gesagt: Ich habe die Tasse kaputtgemacht. Und so sagte sie denn: Die Tasse ist kaputtgegangen. Als ob eine Tasse ganz von allein kaputtgehen könnte. Ich stelle mir meine Oma vor, wie sie aus lauter Verzweiflung oder Wut (sie war eine unbeugsame Frau) die Tasse absichtlich zerschlug, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich zu dem Satz hätte durchringen können: Ich bin schuld, ich habe die Tasse kaputtgemacht.

In dieser zerschlagenen Tasse konzentrieren sich die russische Idee von Schuld und die kategorische Weigerung, diese zuzugeben. Woran liegt das? Vermutlich daran, dass die Strafe für ein begangenes Verbrechen in Russland nicht dem Verbrechen selbst entspricht. Die Strafe ist immer grösser, sie ist wie der Hefeteig, der aus der Schüssel herausquillt und das Leben unter sich begräbt.

Warum ist sie grösser? Vielleicht, weil eine Tasse in einer armen Familie etwas Wertvolles ist und Armut das Übel Russlands? Wenn ich einen Familienwert zerstöre, begehe ich ein Familienverbrechen und werde dafür die Strafe erdulden, aber mich loskaufen kann ich nicht, denn ich kann keine neue Tasse kaufen, dafür fehlen mir die Mittel.

Was die Armut betrifft, so muss man sich nur die paradoxe Wohnsituation meiner Grossmutter vergegenwärtigen. Sie wohnte in der Mochowaia-Strasse, quasi im rechten Flügel des Kalinin-Museums. Das war so nah beim Kreml, es hätte näher nicht sein können. Eine seltsame Wohnung war das. Sie hatte keine direkte Verbindung zum Kalinin-Museum, und ungeachtet der Nähe zum Kreml hatte die Einzimmerwohnung auch keinen Abwasseranschluss. Es gab zwar Wasser, das aus einem bronzenen Wasserhahn floss, aber eben keinen Abwasseranschluss. Und also auch kein Klo. Ich musste immer hinter einem Vorhang in einen grossen Eimer pinkeln. Der Inhalt wurde dann später in den Hof gebracht.

Und so schiebe ich die Schuld, wenn nicht auf einen anderen, dann auf die Tasse selbst – sie ist mir aus der Hand gerutscht und kaputtgegangen. Die Schuld aus dem Bewusstsein zu verdrängen, ist für den Russen zur automatischen Reaktion geworden. Wegen einer kaputten Tasse kann er alles verlieren. Der Vorwurf, dass man eine Tasse zerschlagen hat, kann auch alle anderen Bereiche des Daseins erfassen.

Wer unter Folter gesteht, wird erschossen

Eine zerschlagene Tasse ist im Grunde genommen der erste Schritt zur Erschiessung. Man kann diesen Weg bis zum Ende gehen, man kann aber auch sein Leben bewahren. Alles hängt von der Willkür des Zufalls ab. Schuld nach aussen abzuschieben, ist ein russischer Nationalsport. Nur ein Idiot fühlt sich für eine zerschlagene Tasse verantwortlich. Starke Menschen neigen nicht dazu, um Vergebung zu bitten. Es gibt Situationen, in denen sich der Russe entschuldigt. Wenn er jemandem im Bus auf den Fuss tritt, brummelt er eine Entschuldigung. Möglicherweise. Oder eben auch nicht.

Von der zerschlagenen Tasse bis zum Hochverrat ist es nicht weit. In den Jahren des grossen Terrors unter Stalin war man ebenfalls gut beraten, das vom Untersuchungsrichter frei erfundene Verbrechen nicht zu gestehen. Häftlinge wurden geschlagen und gefoltert, damit sie ihre Schuld gestanden, oder ihnen wurde gedroht, ihre ganze Familie werde eingesperrt. Wer der Folter nicht standhielt und auspackte, wurde erschossen. Wer den Mund hielt, wurde ebenfalls erschossen. Aber nicht immer, manche Glückspilze wurden in den Gulag geschickt.

Auch in Russland gibt es Ausnahmen, was das Eingeständnis von Schuld angeht. In einem der populärsten Lieder in Russland darf eine Frau fragen: Bin ich denn schuld, dass ich liebe? Darauf darf sie antworten, dass sie selbst an allem schuld sei. Doch hier handelt es sich um spontane Gefühle, die eine Russin überwältigt haben, und sie gesteht weniger eine Schuld, sondern spreizt nur die Federn.

Vielleicht ist die einzige Schuld, die der Russe zugibt, die Verbindung von Schnaps und Schuld – ein Knoten, den weder Kirche noch Staat zerschlagen kann. Im Übrigen beschleicht ihn bisweilen eine leise Ahnung von Moral, doch die ist etwas, was aus der Vergangenheit auftaucht wie ein Gespenst. Leben geht anders: «Scheiss auf alles, sonst überlebst du nicht.» Moral, das ist eine Schlinge um den Hals.

Kollektivschuld der Russen

Der moderne Auftragskiller, der sein Opfer abknallt, sagt: Sorry, nicht persönlich gemeint. Es muss schon ein besonderer Seelenzustand sein, wenn einer zugibt, nicht aus irgendwelchen persönlichen Gründen zu töten, sondern einen kaltblütigen Mord gegen Bezahlung verübt zu haben. Verleugnung von Schuld ist der Weg zum Überleben, und meine Grossmutter, die sagte, die Tasse sei kaputtgegangen, ähnelt in gewisser Weise diesem Killer, der jede persönliche Motivation von sich weist. Sie verdrehte das Thema Verbrechen und Strafe in einem sie rettenden Sinne, wurde 96 Jahre alt und bewahrte sich die rosigen Wangen einer Achtzehnjährigen.

Der jüngste Terroranschlag auf das Konzerthaus Crocus City Hall in Moskau hat die Frage der russischen Schuld neu zugespitzt. Die Terroristen haben sich ein System kollektiver russischer Schuld zusammengestrickt, das von zwei Überzeugungen ausgeht: Die Russen haben in Afghanistan Krieg geführt und tun dies weiterhin in Syrien. Sie sind Feinde. Nicht nur Feinde, sondern auch noch Christen, also Ungläubige. Sie gehören vernichtet.

Putin wiederum bemüht sich mit allen Mitteln, der Ukraine und dem hinter ihr stehenden «kollektiven Westen» die Schuld am Terroranschlag zu geben. Wer anders denkt, hat ein Problem mit Doppeldenk. Nach dem Moskauer Terroranschlag tauchten in russischen Netzwerken Posts wie dieser auf: «Warum Crocus und nicht Kreml? Die haben da was verwechselt.» Der Verfasser wurde verhaftet und gezwungen, Reue zu zeigen. Stalins Praxis, Schuld aus den Menschen herauszuklopfen wie Staub aus einem Teppich, setzt sich fort.

Aber die wichtigste Antwort auf die Greueltaten der Terroristen wurde ganz oben offenbar schon gefunden und den Untertanen serviert. Angesichts dessen, dass dem Gericht übel zugerichtete Typen vorgeführt wurden – einem von ihnen hat man ein Ohr abgeschnitten, einem anderen ein Auge herausgedrückt –, wird deutlich, dass die Staatsmacht keine Scham mehr kennt, auch Folter anzuwenden.

Während seiner ganzen bisherigen Regierungszeit hat Putin kein einziges Mal auch nur irgendeine Schuld eingestanden. Das kommt bei ihm aus der Kindheit, die in Armut und voller Kränkungen verlief. Putin ist ein wandelnder Friedhof von Kindheitskomplexen. Er ist mehr Produkt seiner Kindheit als Zögling des KGB. Er übt Rache für seine Kindheit an allen und jedem ohne Ausnahme und geniesst die Bestrafung von Feinden. Seine Augen funkeln, wenn er eine Waffe in der Hand hält. Er ist ein Mann des Krieges.

In der Ukraine ist man der Ansicht, die Russen trügen Schuld, Putin nicht gestürzt, ihn vielmehr wiedergewählt und den Krieg unterstützt zu haben. Die russische Schuld scheint offen zutage zu liegen, aber in Wirklichkeit befindet sie sich ganz tief unten. Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts, gekennzeichnet durch die Herrschaft Putins, ist in Russland durch eine sich verschärfende Konfrontation geprägt: die Unsrigen gegen die anderen. An diesem Punkt bleibt mir nichts übrig, als eine Position einzunehmen, die Romain Rolland «Au-dessus de la mêlée» nannte.

Russen kennen keine Schuldgefühle

Die Konfrontation Putin - Nawalny widerspiegelt am deutlichsten den gegenseitigen Hass und die Rhetorik gegenseitiger Anschuldigungen. Während Putin hinter der Person Nawalnys das Bemühen des «kollektiven Westens» sieht, Russland zu zerstören, gibt Nawalny, wie auch die Mehrheit der Opposition, der Regierung die Schuld. Das Opfer des politischen Regimes ist per definitionem an gar nichts schuld. Frei von jeder Schuld wird auch das Volk von der Opposition als Märtyrer mit reinem Gewissen präsentiert.

In dieser Haltung gegenüber dem Volk liegt ein rührender, aber unverzeihlicher Idealismus. Der deutsche Philosoph Karl Jaspers vertrat nach dem Zweiten Weltkrieg eine Minderheit, als er über die «deutsche Schuld» schrieb. Indessen zeigt die historische Erfahrung, dass Russen keine Schuldgefühle empfinden, auch nicht wegen lange zurückliegender Kriege.

Vollkommenes Vergessen und kein Schuldgefühl, das ist das Schicksal unserer Landsleute. Wer von ihnen erinnert sich noch an den sowjetisch-finnischen Krieg? Jeder Finne weiss um diesen Krieg, aber bei uns gibt es keinen einzigen Schuldigen. Das Gleiche lässt sich über den Krieg in Afghanistan und über beide Kriege in Tschetschenien sagen.

Warum ist das so? Weil dies keine Kriege des Volkes sind. Auch der Krieg gegen die Ukraine ist kein Krieg unseres ganzen Volkes (wie der gegen Nazideutschland). Wie kann das sein, wo doch das Volk darin umkommt? Es ist ein Krieg um grosses Geld, wie russisches Roulette, entweder werde ich getötet, oder ich verdiene gutes Geld. Das wirkt verlockend für eine bestimmte Bevölkerungsschicht.

Viele Kriegsgegner sind aus dem Land geflohen, sie sind jetzt Nestbeschmutzer. Das Volk selbst hat eine gesegnete Wurstigkeit an den Tag gelegt. Im Grunde ist das für die Obrigkeit sogar besser als helle Begeisterung. Aber Krieg heizt den Kult der Stärke an, welcher seit je im Herzen des russischen Mannes wohnt und der ihm half, im friedlichen Leben zu überleben. Und genau aus diesem Grund ist Putin ein Mann des Volkes, einer von uns, weil er etwas versteht vom Kult der Stärke.

Putins wahnhafte Phantasien

Im heutigen Russland besteht die Schuld des Russen nicht darin, dass er nicht gegen den Krieg protestiert, sondern dass er es tut. Indem er sich gegen den Krieg stellt, macht er sich vor dem Staat schuldig. Protestiert er nicht gegen den Krieg, macht er sich im Sinne des Gewissens und des Völkerrechts schuldig. Der Russe ist zerrissen, er ähnelt dem Unglücklichen, dessen Beine an zwei Pferden festgebunden sind, welche man in entgegengesetzte Richtungen getrieben hat. Den armen Teufel hat es zerrissen.

Aber bei weitem nicht jeder Russe erlebt diese ungeheuerliche Zerrissenheit. Die Mehrheit stellt sich hinter den Staat. Der Staat erklärt durch das Fernsehen, dass der Westen schuld am Krieg sei und dass er die Ukraine zu sich hinüberziehen wolle. Das Fernsehen schürt Hass und schenkt gutherzige sowjetische Spielfilme. Die Kollektivschuld des russischen Volkes erweist sich als fiktiv. Sollte das Volk an etwas schuld sein, dann will es das nicht wahrhaben.

Will Putin die ganze Welt erobern? Danach sieht es nicht aus. Er hat nicht die universelle Ideologie des Kommunismus in petto. Vielmehr will er eine Neuaufteilung der Welt, ein Jalta 2.0. Mit einer Aufteilung der Einflusssphären wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Am liebsten würde er die Sowjetunion wiederherstellen. Aber das wird nicht gelingen.

Höchstwahrscheinlich stehen persönliche Ambitionen im Vordergrund. In Kriegszeiten kann man ein ganzes Land zum Gehorsam aufrufen. Auf unbestimmte Zeit herrschen. Und warum sollte Putin am Ende seines Lebens nicht die ganze Welt mit in den Tod reissen? Wenn er Russland ist, dann ist sein Tod der Tod Russlands, und warum sollte die Welt ohne Russland leben? Das wäre ja uninteressant.

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew lebt seit Beginn des Ukraine-Krieges im Exil in Deutschland. – Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch.

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