INTERVIEW - «Covid war nichts im Vergleich zu dem, was wir unseren Kindern mit sozialen Netzwerken und Smartphones antun»

INTERVIEW - «Covid war nichts im Vergleich zu dem, was wir unseren Kindern mit sozialen Netzwerken und Smartphones antun»
Durch: Feuilleton Erstellt am: April 08, 2024 anzeigen: 12

Der Sozialwissenschafter Jonathan Haidt hat ein Buch über die Generation Z geschrieben. Er fürchtet, dass deren hohe Internetnutzung nicht nur zu veränderten Gehirnen führt, sondern ganze Demokratien ins Wanken bringen wird.

«Um das Jahr 2012 stürzte die geistige Gesundheit junger Menschen eine Klippe hinunter», sagt Jonathan Haidt.

Jayne Riew

Jonathan Haidt, im vergangenen Jahr 60 geworden, ist Professor an der New York University Stern School of Business und gehört zu den wohl produktivsten Sozialwissenschaftern unserer Zeit. Bald erscheint sein neustes Buch «Bildschirm Kinder. Der verheerende Einfluss sozialer Medien auf die psychische Gesundheit einer ganzen Generation». Eine Warnung für die Generation Z und vor ihr – denjenigen also, die nach 1995 geboren wurden.

Was zur Hölle ist mit der Generation Z passiert?

Von den Anfängen der Menschheit bis Anfang 2010 haben Kinder wie alle anderen Säugetiere gespielt. Das schaltet ihr Gehirn ein. Plötzlich, um das Jahr 2012 herum, stürzte die geistige Gesundheit junger Menschen eine Klippe hinunter. Insbesondere bei den Mädchen, aber auch bei den Jungen.

Woran zeigt sich das?

Angstzustände, Depressionen, Selbstverletzungen, Selbstmord – all diese Kurven schiessen nach oben. Im Jahr 2010 gab es dafür noch keine Anzeichen. Also ist um 2012 herum etwas passiert. Die einzige plausible Erklärung ist die weitverbreitete Nutzung von Smartphones in Kombination mit sozialen Netzwerken unter Kindern ab den frühen 2010er Jahren. Ich glaube, das ist die Ursache für diese globale Krise der psychischen Gesundheit: Die vollständige Umstellung von einer spielerischen Kindheit, die wir seit Millionen von Jahren hatten, auf eine telefonbasierte Kindheit.

Welche konkreten Veränderungen brachte diese Umstellung?

Durch Smartphones und soziale Netzwerke sehen Kinder ihre Freunde nicht mehr so oft im wirklichen Leben. Sie schlafen nicht mehr so viel. Sie haben weniger Erfahrungen mit der Natur und sitzen den ganzen Tag nur vor ihrem Bildschirm. So verpassen sie das breite Spektrum der Erfahrungen, die für eine gesunde Entwicklung notwendig sind. Ihr Gehirn wird auf ein Leben am Bildschirm eingestellt. Das macht sie kaputt.

War Covid nicht schlechter für Kinder und Jugendliche?

2010 hatten die Teenager Klapphandys, um mit einer Person zu sprechen und sich trotzdem mit ihr zu treffen. Im Jahr 2015 hat fast jeder ein Smartphone, und die meisten Mädchen sind auf Instagram. Das ist genau der Zeitpunkt, an dem sich das gesamte soziale Leben der Teenager verändert hat. Die Generation Z begann in den frühen 2010er Jahren, sich sozial zu distanzieren. Im Jahr 2019 haben sie sich dann fast vollständig distanziert. Bei Covid hat sich die Zeit mit Freunden nicht sonderlich verringert, das war schon vorher der Fall.

Warum ist es so schwer, auf die sozialen Netzwerke zu verzichten?

Was an den sozialen Netzwerken so transformativ ist, ist der Effekt auf Gruppenebene. Alle sagen das Gleiche: «Ich kann nicht aufhören, soziale Netzwerke zu nutzen, weil alle anderen es auch tun.» Es ist ein Problem des kollektiven Handelns. Eine kollektive Lösung, die ich vorschlage, sind handyfreie Schulen.

Haben Sie einen Rat für jemanden, der mit 18-, 19-, 20-Jährigen zu tun hat?

Sie erhalten Hunderte von Benachrichtigungen pro Tag, viele von ihnen haben nie zehn Minuten ohne Unterbrechung. Bitten Sie sie, fast alle Benachrichtigungen auf ihren Smartphones abzuschalten.

Was schlagen Sie in Bezug auf Altersgrenzen vor?

Erstens: Kein Smartphone bis zum Alter von 14 Jahren. Zweitens: Keine sozialen Netzwerke bis zum Alter von 16 Jahren.

Gibt es Lehren, die aus anderen Kommunikationsrevolutionen wie dem Buchdruck, dem Radio oder dem Fernsehen gezogen werden können?

Alle konzentrieren sich immer auf den Inhalt. Im Fernsehen gibt es Gewalt und Sex, also sollten wir die Menge an Gewalt und Sex reduzieren. Aber der Inhalt ist nicht annähernd so wichtig wie die Tatsache, dass es im Leben mit der Einführung des Fernsehens plötzlich darum ging, stillzusitzen und unterhalten zu werden. Alles wurde zur Unterhaltung, auch unsere Politik. Das Medium, nicht der Inhalt, ist das Problem: Das Smartphone lässt die Kinder all ihre Erfahrungen auf einem winzigen Bildschirm machen.

Wie sieht es mit sehr kleinen Kindern aus? Können sie unser Smartphone von Zeit zu Zeit haben?

Die Kinder lieben es natürlich, und es verschafft den Eltern Ruhe. Als unsere Kinder vor Jahren an unseren Handys hängen wollten, dachten meine Frau und ich: Vielleicht ist das der Weg der Zukunft. Wir hatten keine Ahnung, was wir da taten. Heute zeigen die Korrelationsstudien ganz klar, dass Kinder, die mehr Zeit am Bildschirm verbringen, schon im Alter von ein, zwei oder drei Jahren schlechtere Leistungen erbringen, weil sie keine soziale Interaktion haben. Aber es gibt keine Experimente mit kleinen Kindern, Gott sei Dank.

Warum ist es so wichtig, dass Kinder draussen spielen und sich Gefahren aussetzen?

So lernen sie, wie die Welt funktioniert. Zwei Elemente sind entscheidend: dass es keine Überwachung durch Erwachsene geben darf, denn die Erwachsenen würden beim kleinsten Anzeichen von Ärger oder Konflikten eingreifen, und das ist nicht gut für die Entwicklung des Kindes. Und: Kinder müssen Dinge erobern, Risiken eingehen. Ich bin sicher, Sie können sich an Dinge erinnern, die Sie als Kind getan haben, die riskant waren. Das sind die aufregendsten Dinge, die wir je getan haben. Es sind die tatsächlichen Gefühle von Angst und Nervenkitzel, die den Angstpegel im Gehirn zurücksetzen und Ihnen sagen: Weisst du was? Ich kann das schaffen! Heute geben wir unseren Kindern nur noch selten die Chance, solche Momente zu erleben.

Kinder, die mit Smartphones aufwachsen – werden sie sich jemals konzentrieren können?

In ihren frühen Teenagerjahren müssen Kinder die exekutive Funktion entwickeln, also die Fähigkeit, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Sie basiert auf neuronalen Schaltkreisen im präfrontalen Kortex, die sich während der Pubertät entwickeln. Aber 45 Prozent der amerikanischen Teenager geben an, dass sie «fast ständig» online seien. Das heisst, wenn man sich mit ihnen unterhält, denken sie gerade über einen Beitrag nach, den sie verfasst haben, und schauen innerhalb von drei Minuten auf ihr Handy. Manche junge Menschen sind nie ganz bei ihren Gesprächspartnern. Dies ist meiner Meinung nach die grösste Bedrohung für die Gesundheit der Kinder in den westlichen Ländern. Covid war nichts im Vergleich zu dem, was wir unseren Kindern mit sozialen Netzwerken und Smartphones antun.

Sind die sozialen Netzwerke nicht erst der Anfang?

Ich denke, dass KI die gegenwärtigen Trends noch viel schlimmer machen wird. Videospiele etwa werden unglaublich immersiv sein. Und der Einsatz von KI mit dem Ziel, den perfekten Sexualpartner zu finden, ist bereits im Gange. Die Menschen verlieben sich bereits in ihre KI-Freundinnen und -Freunde. Sie werden irgendwann viel verführerischer und unterhaltsamer sein als ein echter Mensch. Viele junge Menschen – vor allem Buben – werden nie lernen, wie man mit echten Menschen umgeht.

Aber wenn wir unseren Kindern die Smartphones vorenthalten, werden sie nicht auf die Arbeitswelt vorbereitet sein.

Die Kinder können diese Dinge innerhalb von ein paar Wochen lernen. Wenn Sie also Ihr Kind bis zum 18. Lebensjahr von allen sozialen Netzwerken fernhalten und es dann einen Job in einem Unternehmen bekommt, in dem es soziale Netzwerke nutzen muss, wird es das in ein paar Wochen lernen, und es wird ein voll funktionsfähiges Gehirn mit guten exekutiven Funktionen haben, so dass es sogar besser in dem Job sein wird.

Ist das Anschauen von Videos schlecht?

Nehmen wir Netflix. Ich frage meine Studenten: «Wie viele von Ihnen schauen Netflix?» Alle von ihnen. «Wie viele von Ihnen wünschen sich, Netflix wäre nie erfunden worden?» Niemand. Sicher, Netflix frisst Zeit, aber die Qualität ist meistens gut, und die Leute bereuen es nicht. Wenn ich meine Schüler frage: «Wie viele von Ihnen schauen Tiktok?» Alle. Allerdings wünschen sich fast alle, dass es nie erfunden worden wäre. Es sind also die kurzen Videos, die giftig sind: Tiktok, Instagram Reels, Youtube Shorts. Das sind die zerstörerischsten Videos, weil der Inhalt oft bizarr und entwürdigend ist. Es ist wirklich ekelhaftes Zeug, in das die Kinder eingetaucht werden. Es ist verrückt, dass wir Kinder in die sozialen Netzwerke lassen – wir lassen 12-, 13-, 14-Jährige ja auch nicht in Bordelle oder Kasinos.

Wie sieht es mit Videospielen aus?

Es gibt ein paar kleine Vorteile von Videospielen. Jungen, die Videospiele spielen, sind bei bestimmten Aufgaben etwas besser, und die Spiele machen extrem viel Spass. Aber die Risiken eines starken Konsums überwiegen. 5 bis 10 Prozent der Jungen werden süchtig, 2 bis 5 Prozent sogar schwer süchtig. Die starke Stimulation der Dopamin-Neuronen führt dazu, dass das Gehirn eine Toleranz entwickelt. Wenn diese hochgradig süchtigen Jungen jeden Tag fünf Stunden spielen, verändert diese Stimulation wahrscheinlich die Entwicklung ihres Gehirns während der Pubertät. Ich würde also sagen, wenn Sie Ihr Kind am Wochenende ein, zwei Stunden pro Tag spielen lassen wollen, schadet das nicht. Aber wenn Ihre Kinder während der Pubertät anfangen, drei Stunden am Tag und sieben Tage die Woche zu spielen, könnte es durchaus zu dauerhaften Veränderungen im Gehirn kommen.

Können junge Erwachsene die Schäden an ihren Gehirnen vollständig rückgängig machen?

Meine Hypothese ist, dass jahrelanger starker Konsum während der Pubertät zu dauerhaften Veränderungen im Gehirn führt, was bedeutet, dass die Person zu mehr Negativität und Angst veranlagt ist. Das Gehirn ist jedoch bis zum Alter von 25 Jahren und sogar darüber hinaus noch plastisch. Meine College-Studenten an der NYU sind 19 Jahre alt. Sie sind mit den sozialen Netzwerken aufgewachsen. Viele haben Angstzustände. Die meisten haben Aufmerksamkeitsprobleme. Aber sie können Techniken lernen, um sich weniger ablenken zu lassen und die Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit wiederzuerlangen.

Könnten die Algorithmen der sozialen Netzwerke so verändert werden, dass die Menschen ruhiger und glücklicher werden, statt ängstlicher und depressiver?

Das ist unmöglich. Denn das Problem ist nicht in erster Linie der Inhalt, sondern das Medium. Solange Kinder viele Stunden am Tag mit ihrem Handy verbringen, werden sie nichts Sinnvolles tun; nicht mit Freunden reden oder in der Natur spazieren gehen. Wenn man ihnen etwas bessere Inhalte bietet, werden sie vielleicht etwas weniger ängstlich, aber es gibt keine Möglichkeit, sie gesund und stark zu machen.

Wozu führt es, wenn wir als Eltern und als Gesellschaft keine Änderungen vornehmen?

Nehmen Sie die Vereinigten Staaten: Das amerikanische Experiment ist ein Experiment der Selbstverwaltung. Aber wir haben nicht mehr die Tugenden und Fähigkeiten, die unsere Gründerväter zur Aufrechterhaltung einer demokratischen Republik für notwendig befanden. Wir haben es vermasselt. Wir geben dieses Land an eine Generation weiter, der wir nie erlaubt haben, die Fähigkeit zur Selbstverwaltung zu erlernen. Nun haben wir eine Demokratie, die auf eine Klippe zusteuert. Ausserdem ist die Generation Z meiner Meinung nach weniger kreativ, weil sie keine Zeit zum Nachdenken hat. Viele von ihnen haben nie zehn Minuten Zeit, um ohne Unterbrechung zu träumen. Sie müssen jeden Tag so viele Inhalte konsumieren, dass ihnen keine Zeit bleibt, kreativ zu sein.

Welche Folgen könnte das haben?

Ich denke, die wirtschaftlichen Folgen werden schwerwiegend sein. Vor allem Jungen brechen die Schule ab. Stellen Sie sich eine Zukunft vor, in der sich junge Männer weitgehend aus der Gesellschaft zurückziehen. Sie beschäftigen sich lieber mit Videospielen und haben KI-Roboter-Freundinnen, mit denen sie sich verabreden und die sie heiraten. Die Mädchen gehen trotzdem aufs College und bekommen die Jobs in den Unternehmen. Aber weil sie so viel Angst haben, sind sie vielleicht weniger risikofreudig und unternehmerisch kreativ.

Haben autoritäre Regime das Problem besser im Griff?

Dies ist ein weiterer Grund für meine Besorgnis: Die heutige digitale Technologie macht es für Demokratien schwieriger, erfolgreich zu sein, und sie macht es autoritären Ländern wie China leichter. Meine Befürchtung ist, dass es den Demokratien auf lange Sicht schwerfallen könnte, sich für das digitale Zeitalter zu rüsten, während autoritäre Länder bereits davon profitieren.

Rolf Dobelli ist Gründer von «World.Minds», einer Community von weltweit führenden Köpfen. Hier präsentiert er Verhaltensweisen, die garantiert zu einem schlechten Leben führen – eine Art Enzyklopädie der Idiotie. – Das Gespräch mit Jonathan Haidt fand im Rahmen eines World.Minds-Zoom-Treffens statt, an dem auch Felix Graf, CEO der NZZ, teilgenommen hat.

NZZ Live-Veranstaltung: Generation Z – das Lebensgefühl einer neuen Generation
Ambivalent und schwer greifbar sind die Vertreterinnen und Vertreter der «Digital Natives». Die jüngste Generation ist vielen ein Rätsel. Was bewegt die Generation Z wirklich, und wohin will sie?
Montag 13. Mai 2024, 19:30 Uhr, Bernhard Theater, Zürich
Tickets und weitere Informationen finden Sie hier

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