KOMMENTAR - Mit dem Rückzug aus Süd-Gaza erweitert Israel seinen Handlungsspielraum

KOMMENTAR - Mit dem Rückzug aus Süd-Gaza erweitert Israel seinen Handlungsspielraum
Durch: International Erstellt am: April 09, 2024 anzeigen: 13

Der Krieg im Gazastreifen hat einen Wendepunkt erreicht. In Israel scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass sich der Kampf gegen die Hamas mit militärischen Mitteln allein nicht gewinnen lässt.

Israelische Soldaten an einem Checkpoint an der Grenze zum Gazastreifen. Am Wochenende hat sich die Armee überraschend aus dem südlichen Teil des Gebiets zurückgezogen.

Abir Sultan / EPA

Die Meldung kam so unerwartet wie überraschend: Die israelische Armee zieht sich aus dem südlichen Gazastreifen zurück. Als sich die Schlagzeile am Sonntag verbreitete, hatten die letzten Soldaten das Gebiet bereits verlassen. Zurück bleibt einzig eine Brigade, die den sogenannten Netzarim-Korridor sichern soll – eine Strasse, die den Streifen südlich von Gaza-Stadt durchtrennt. Nördlich davon bleibt Israels Präsenz zwar unverändert. Dennoch hat der Krieg exakt sechs Monate nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober einen Wendepunkt erreicht.

Der Rückzug erfolgt, ohne dass die obersten Kriegsziele Israels – die Zerschlagung der Hamas und die Rückkehr aller Geiseln – erreicht wurden. Er steht zudem im Gegensatz zu den jüngsten Verlautbarungen der israelischen Regierung, der militärische Druck werde keinesfalls reduziert. Schnell kam der Verdacht auf, dass die zunehmend desillusionierte amerikanische Regierung zu diesem Schritt gedrängt hatte, was Israel aber vehement verneinte.

Nach wie vor ist deshalb unklar, weshalb der Entscheid zum Rückzug gefällt wurde. Offiziell hiess es, man habe die Möglichkeiten des Kampfes in dem Gebiet voll ausgenutzt. Die abgezogenen Verbände würden sich nun auf künftige Missionen vorbereiten. Offenbar will die israelische Armee fortan mit einem gezielteren Vorgehen die Hamas bekämpfen. Vielmehr aber scheint sich bei den Entscheidungsträgern in Israel die Einsicht durchzusetzen, dass sich dieser Krieg nicht mit militärischem Druck allein gewinnen lässt.

Die Hinhaltetaktik Netanyahus

Israel führt seinen Kampf gegen die Terroristen auf zwei Ebenen: auf einer militärisch-taktischen sowie auf einer politisch-strategischen Ebene. Will es seine Ziele erreichen, muss es auf beiden Ebenen reüssieren. Militärisch gesehen war die israelische Armee durchaus erfolgreich – die Fähigkeiten der Hamas sind stark dezimiert, ihre Infrastruktur ist vielerorts zerstört.

Auf der politisch-strategischen Ebene hingegen hat sich Israel allzu oft selber Steine in den Weg gelegt und selbst seine engsten Verbündeten vor den Kopf gestossen. Bestes Beispiel dafür ist das Gezänk um humanitäre Hilfslieferungen, das in Gaza Hunger, Verzweiflung und Tod zur Folge hatte. Auf die sich stetig verschlimmernde Lage reagierte Israel jeweils erst dann, wenn es keine andere Wahl mehr hatte.

So auch vergangene Woche, als der israelischen Armee ein folgenreicher Fehler unterlief und sie sieben internationale Helfer der Organisation World Central Kitchen tötete. Es brauchte einen internationalen Aufschrei und ein Machtwort von Joe Biden, dass Israel einlenkte, den Hafen von Ashdod sowie den Grenzübergang Erez für Hilfslieferungen zu öffnen. Das tragische Ereignis steht in einer langen Reihe von Vorfällen, nach denen die israelische Regierung ihre zuvor kolportierte Kompromisslosigkeit auf internationalen Druck hin Stück für Stück aufweichte.

Gleichzeitig hat es Benjamin Netanyahu bisher nicht geschafft, gegenüber seinen Verbündeten eine glaubwürdige Exit-Strategie und eine Vision für die Zukunft des Gazastreifens zu formulieren. Der Ministerpräsident wirkt zunehmend als Getriebener, der im Spannungsfeld zwischen seinen rechtsextremen Koalitionspartnern, der ernüchterten israelischen Öffentlichkeit und den ungeduldigen internationalen Partnern ziemlich glücklos agiert. Die Hinhaltetaktik Netanyahus hat nicht nur Israels Isolation befördert, sondern auch für chaotische Zustände im Gazastreifen gesorgt.

Israel vergrössert seinen Handlungsspielraum

Klar ist: Chaos ist eine schlechte Voraussetzung für die Erreichung der gesetzten Ziele. Doch der Rückzug aus dem südlichen Gazastreifen bietet nun die Chance, eine Form von Ordnung wiederherzustellen. Indem Israel den militärischen Druck in Süd-Gaza verringert, kann es seinen Handlungsspielraum sowohl militärisch als auch politisch vergrössern.

Natürlich besteht das Risiko, dass sich die Hamas nun wieder stärker im südlichen Gazastreifen breitmacht. Doch je mehr sich die Terroristen aus der Deckung wagen, desto angreifbarer sind sie. Gleichzeitig hat Israel nun die Möglichkeit, eine angemessene Versorgung der palästinensischen Bevölkerung sicherzustellen und die Zerwürfnisse mit seinen Verbündeten zu kitten. Der Krieg ist noch nicht vorbei – doch nun stehen politisch-strategische Entscheidungen an, für die Israel auf ein gutes Verhältnis zu seinen internationalen Partnern angewiesen ist.

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