Das Fasten zu Ramadan sollte nicht aus vermeintlicher Toleranz verharmlost werden. Es ist ein Zwang

Das Fasten zu Ramadan sollte nicht aus vermeintlicher Toleranz verharmlost werden. Es ist ein Zwang
Durch: Feuilleton Erstellt am: März 13, 2024 anzeigen: 297

Heute streiten moderate und radikale Muslime über die Bedeutung des Ramadan. Dabei weiss kaum einer von ihnen, wie sich der Fastenmonat von einer militärischen Übung zum Volksfest entwickelt hat.

Traditionelle ägyptische Tänzer führen während des Fastenmonats Ramadan 2023 den Tanoura, eine ägyptische Version des Sufi-Tanzes auf.

Mohamed Abd El Ghany / Reuters

Für gläubige Muslime hat der Fastenmonat Ramadan begonnen. Viele Muslime fasten, ohne die Geschichte, den Sinn und Zweck dieses Rituals zu verstehen. Dabei hat sich der Ramadan im Laufe der Jahrhunderte von einer militärischen Übung zu einem Volksfest entwickelt. Heute streiten moderate und radikale Muslime über die Bedeutung des Fastenmonats. Auch in Europa.

Anfang der 1990er Jahre arbeitete ich in einem Reisebüro am Flughafen von Kairo. Ein etwa 50-jähriger Tourist aus Deutschland kam in mein Büro und buchte eine Reise nach Luxor und Assuan. Kairo wollte er auf eigene Faust erkunden. Am nächsten Tag rief er im Büro an und war entsetzt. Er ging durch die Strassen von Kairo, und alle Restaurants waren geschlossen. Auch das Café Riche, die älteste Kneipe Kairos, war wie alle anderen Cafés in der Innenstadt geschlossen. In seinem Hotel gab es keine Bar, in der er ein Bier hätte trinken können. Die Leute auf der Strasse waren zu unfreundlich zu ihm.

Er fand keinen Platz, um eine Zigarette zu rauchen, also tat er es auf der Brücke über den Nil. Kaum hatte er zwei Züge von seiner Zigarette genommen, griff ihn ein junger Ägypter an, riss ihm die Zigarette aus dem Mund, warf sie auf den Boden und schrie ihn an: «No cigarette in Ramadan!» Damals gab es noch kein Internet, und niemand wies ihn darauf hin, dass es keine gute Idee sei, während des Ramadan in ein muslimisches Land zu reisen. Er war sehr verärgert, wollte die Reise nach Luxor und Assuan absagen und nach Deutschland zurückfliegen. Ich versuchte, ihn umzustimmen, und bot an, ihm Kairo bei Nacht zu zeigen.

«Dreissig Tage Urlaub»

Abends sassen wir im El-Fishawi-Café in der Altstadt, mitten im Khan-al-Khalili-Basar, rauchten Shisha und beobachteten das Treiben auf der Strasse. Der Tourist war erstaunt, wie sich die Stadt verändert hatte und die Menschen plötzlich viel lustiger und freundlicher waren.

«Wie kann ein Land, das vom Tourismus lebt, seine Restaurants und Cafés tagsüber und seine Bars tags und nachts schliessen? Welche Wirtschaft verkraftet dreissig Tage Urlaub?», fragte er. «Warum fasten die Muslime überhaupt noch? Was hat Gott davon, wenn Menschen hungern und dürsten? Fasten auch Sie? Warum?»

Das waren viele Fragen, auf die ich nur vorgefertigte Antworten hatte. Wenn ich ehrlich gewesen wäre, hätte ich ihm sagen sollen, dass ich faste, weil alle um mich herum fasten, und dass ich mein Ansehen verlöre, wenn ich nicht fasten würde. Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich es tue, weil im Koran ausdrücklich steht, dass jeder Muslim fasten muss. Stattdessen begann ich, das Ritual zu mystifizieren und zu verniedlichen. Ich erzählte ihm, dass das Fasten unsere Seele reinigt, uns empathischer, friedlicher und gesünder macht.

Er widersprach und sagte, er habe heute Mittag keine empathischen Menschen auf der Strasse gesehen, sondern aggressive, die einem Touristen ihren Glauben aufzwingen wollten. «Nur Menschen, die nicht frei in ihrem Glauben sind, haben das Bedürfnis, anderen ihren Glauben aufzuzwingen.» Ausserdem sei es nicht gesund, über vierzehn Stunden auf Flüssigkeit zu verzichten. Ich widersprach und sagte, dass es Studien gebe, die belegten, dass Fasten gut für den Blutdruck, gegen Diabetes usw. sei.

Dass diese Studien nur Einzelmeinungen frommer muslimischer Ärzte waren, verschwieg ich ihm. Ich verheimlichte ihm auch, dass die Kriminalitätsrate in Ägypten und vielen arabischen Ländern besonders im Ramadan ansteigt und dass die Araber weltweit Spitzenreiter bei Diabetes und Bluthochdruck sind.

Für mehr Disziplin

Zwölf Jahre später war ich Dozent am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt. In meinem Seminar «Einführung in den Islam» musste ich den Studierenden die muslimischen Rituale des Gebets, des Fastens und der Pilgerfahrt erklären. Mir wurde klar, dass die Erklärungen, die ich damals dem deutschen Touristen gegeben hatte, nicht nur unwissenschaftlich, sondern verlogen waren. Ich musste mich von dem Zwang befreien, den Islam in einem guten Licht darzustellen, und das Ganze historisch einordnen.

Der Prophet Mohammed hat dreizehn Jahre lang in Mekka gepredigt. Dort gab es keine Moschee, keine Rituale, keine Scharia-Gesetze. Erst als er in die Stadt Medina zog und dort eine Armee gründete, brauchte er Rituale, um seine Soldaten zu disziplinieren. In den letzten acht Jahren seines Lebens führte der Prophet über achtzig Kriege. Medina glich in jener Zeit einer Militärkaserne. Mit jedem gewonnenen Krieg wuchs die Zahl der Muslime, denn ein besiegter Stamm musste sich danach zum Islam bekennen, um der Vernichtung zu entgehen.

Doch irgendwann wusste Mohammed nicht mehr, wer von den neuen Muslimen wirklich an ihn glaubte und wer ihm nur folgte, um an der Kriegsbeute beteiligt zu werden. Mohammeds neue Gemeinde war von vielen Gefahren umgeben: den Mekkanern, die seine Religion als Bedrohung für das Geschäft der Pilgerfahrt ansahen und ihn bekämpften, und den Juden, die seine Version des Monotheismus nicht teilten. In dieser militarisierten Zeit musste Mohammed seiner Gemeinde strenge Regeln auferlegen, damit sie nicht auseinanderfiel.

Als Erstes verbot er seinen Anhängern, zu Hause zu beten. Sie mussten sich fünfmal am Tag vor ihm in der Moschee zum Gebet versammeln, auch um vier Uhr morgens. Das gemeinsame Gebet diente als eine Art Militärparade, die Mohammed zeigen sollte, wer von den Gläubigen wirklich gläubig war, denn ein Heuchler würde nicht jeden Tag um vier Uhr den langen Weg in die Moschee auf sich nehmen.

Den Muslimen wurde verboten, Alkohol zu trinken und sich Geld gegen Zinsen zu leihen. Das richtete sich auch gegen die Juden in Medina, die mit Geldverleih und Alkoholverkauf ihr Geld verdienten. Auch Sex ausserhalb der Ehe wurde verboten. So wollte Mohammed die Unabhängigkeit seiner Gemeinschaft sichern und sie vor der Macht des Geldes, des Sex und des Alkohols schützen.

Das Fasten im Ramadan hatte auch eine militärische und eine gesellschaftliche Dimension. Muslime sollten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Nahrung, Flüssigkeit und Geschlechtsverkehr verzichten. In einer Region, in der es im Sommer bis zu 50 Grad im Schatten werden kann, war dieses Fasten eine Art militärisches Überlebenstraining und eine Massnahme der Selbstbeherrschung.

In der gleichen Koransure (Sure 2) gibt es zwei Verse, die den Muslimen ihre religiösen Pflichten erklären. Im ersten Vers heisst es: «Vorgeschrieben ist euch das Fasten.» Einige Verse später heisst es: «Vorgeschrieben ist euch, zu kämpfen, auch wenn es euch widerstrebt.» Die Soldaten, die widerwillig in den Kampf zogen, sollten so abgehärtet werden, und Mohammed konnte sie besser steuern, indem er alles kontrollierte, was sie assen, wann sie assen, wann sie schliefen und aufwachten und was sie in ihren Schlafgemächern taten.

Besinnung und Selbstfindung

Tatsächlich fand Mohammeds erster Krieg während des Ramadan statt. In der Schlacht von Badr im Jahr 624 besiegten die fastenden Muslime die zahlenmässig überlegenen Mekkaner. Der Mythos vom Fasten als Schlüssel zum Sieg war geboren. Deshalb finden heute viele islamistische Terroranschläge im Fastenmonat Ramadan statt, weil die Jihadisten glauben, dass sie direkt ins Paradies kommen, wenn sie während des Fastenmonats sterben.

Nach Mohammed eroberten arabische Heere fast die Hälfte der Welt. Der Reichtum wuchs. Mit dem Wohlstand kehrten auch Alkohol, Tanz und Gesang zurück, und der Wille zum Fasten liess nach. Eine Gegenbewegung entstand. Für die mystischen Sufis war das Fasten eine stille, spirituelle Konterrevolution gegen die sich anbahnende Dekadenz im Bagdad des 9. Jahrhunderts. Der Ramadan wurde für die Mystiker zu einem Monat des Verzichts, der Besinnung und der Selbstfindung.

Die Sufis nahmen sich christliche und buddhistische Mönche zum Vorbild. Im 11. Jahrhundert machten die Ägypter aus dem Ramadan ein Volksfest. Sie liessen sich von den ägyptischen Kopten inspirieren, die das Weihnachtsfest mit Gesang feierten. Die Muslime ruhten sich tagsüber aus und feierten nachts. Aus dem Monat der Askese wurde ein Monat der Bankette, der Süssigkeiten, des Gesangs und der Unterhaltung. Die Strassen wurden beleuchtet und geschmückt. Geschichtenerzähler und Clowns gaben auf öffentlichen Plätzen ihre Witze und Anekdoten zum Besten.

Bis heute ist der Ramadan in Ägypten ein kulinarisches Fest und kein Monat des Verzichts. Die besten Fernsehserien, Quizsendungen und Kochshows werden während des Ramadan ausgestrahlt. Nachts sind die Cafés, Theater und Konzertsäle voll. Der Konsum steigt in diesem Monat stark an, und die Lebensmittelpreise erhöhen sich, zur Last der Armen. So hat sich der Ramadan von einer militärischen Übung zu einem kapitalistischen Volksfest entwickelt. All dies geschieht zum Ärger der Islamisten, die den ursprünglichen Geist des Ramadan für den Jihad nutzen wollen.

Drei Versionen des Ramadan

Der Ramadan ist für Muslime in Europa mehr als ein Fastenmonat. Er hat eine identitätsstiftende Funktion, die manchmal in eine Abwehrhaltung umschlägt. Auch hier haben wir die drei Versionen des Ramadan: die militante, die spirituelle und die folkloristische.

Dann gibt es Probleme am Arbeitsplatz und in der Schule. Einige hier lebende Muslime werden kritisiert, weil ihre Arbeitsleistung während des Fastens nachlässt. Viele Schulen beklagen, dass muslimische Kinder ab 10 Jahren oft fasten und manchmal im Unterricht umkippen, weil sie dehydriert oder unterzuckert sind. Sie fragen sich, woher dieser Zwang kommt. Muslime stehen unter Erklärungsdruck. Viele versuchen, ihre westlichen Gesprächspartner mit den gleichen Antworten zu beruhigen, die ich damals dem deutschen Touristen gab. Sie sollten aber in erster Linie an das Wohl ihrer eigenen Kinder denken, statt das Image des Islam aufzupolieren.

Auch ich habe als Kind mit 11 Jahren mitten im Sommer gefastet. Weder meine Eltern noch meine Lehrer in der Schule wollten, dass ich faste. Meine Mutter bot mir sogar Wasser an, als sie merkte, dass mir schwindelig wurde, aber ich blieb standhaft. Ich fastete «freiwillig», und doch war es ein Zwang. Ich wollte ein erwachsener Mann sein und den Respekt meines Vaters und meines Lehrers verdienen. Und obwohl sich alle über mein Fasten aufregten, wurde ich beim Fastenbrechen wie ein Held gefeiert, weil ich Ausdauer und Geduld bewiesen hatte.

Deshalb fasten Kinder auch in Europa. Sie wollen die Anerkennung, die ihnen in Familie und Schule verweigert wird, durch den Glauben erlangen. Manche werden aus diesem Grund später Islamisten, weil sie im Jihad den kürzesten Weg zur Erlösung sehen. Jeder Glaube lebt von dieser freiwilligen Unterwerfung und der ästhetischen Überhöhung des Zwangs. Menschen unterwerfen sich oft nicht aus Angst, sondern weil sie glauben, dass ihre Unterwerfung Gott hilft, seinen Plan auf Erden zu erfüllen.

Eine islamische Kultur, in der die Religion, ihre Symbole und Rituale wichtiger sind als das Wohl der Kinder, fördert nicht die Integration. Eine westliche Kultur, die aus vermeintlicher Toleranz das Fasten verharmlost und die damit verbundenen Probleme verschweigt, trägt ebenfalls nicht zur Integration bei. Zwang bleibt Zwang, auch wenn Millionen ihn als Ausdruck ihrer Freiheit empfinden. Ich bin der Meinung, dass jeder die Freiheit hat, sich seine Zwänge selbst auszusuchen. Kinder können das aber nicht.

Hamed Abdel-Samad ist deutsch-ägyptischer Politikwissenschafter und Buchautor. 2023 erschien sein Buch «Islam. Eine kritische Geschichte» beim DTV-Verlag, München.

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