Bönte zum "Jahrhundert-Fight": "Wird es ein Streetfight, gewinnt Fury"

Bönte zum
Durch: Sport Erstellt am: Mai 14, 2024 anzeigen: 3

Wenn Tyson Fury und Oleksandr Usyk am Samstagabend den neuen Schwergewichts-Champion unter sich ausmachen (23 Uhr/DAZN), ist Bernd Bönte als Kommentator ganz nah dran. Der langjährige Manager der Klitschkos schätzt im Gespräch mit RTL/ntv und sport.de ein, was den Kampf so bedeutsam macht, warum er Usyk im Vorteil sieht - und wo dessen große Schwachstelle liegt.

Zum ersten Mal seit 1999 wird im Schwergewicht wieder ein unumstrittener König, ein "Undisputed Champion", gekrönt. Wie bedeutsam ist der Kampf zwischen Fury und Usyk für das Boxen?

Bernd Bönte: Alleine die Zahl – 25 Jahre, ein Vierteljahrhundert seit dem letzten Undisputed-Fight im Schwergewicht zwischen Lennox Lewis und Evander Holyfield. Das sagt alles über die Dimension. Das ist ein gigantischer Kampfabend, das ist historisch. Und diese Bedeutung merkt man auch in den Medien, vor allem auf Social Media. Jeder will diesen Kampf sehen. Das ist auch kein Wunder, denn sehr lange gab es unterschiedlichste Champions. Die Klitschko-Ära, also die Zeit, in der beide gleichzeitig Weltmeister waren, dauerte gar nicht so lang. Das war von 2008 bis zum Rücktritt Vitalis 2013. Aber auch davor gab es eben immer diesen Split, verschiedenste Weltmeister bei den Verbänden. Das ist eben das Großartige, das Gigantische – das jetzt nach 25 Jahren alle verfügbaren WM-Titel wieder zur Debatte stehen.

Sie waren viele Jahre als Manager von Vitali und Wladimir Klitschko im Geschäft. Fury gegen Usyk ist ein Kampf, der auch finanziell gewaltige Dimensionen annimmt. Manche sagen, es ist ein Kampf des Jahrhunderts. Ist es einer?

Ja, dieses Jahrhunderts sicherlich. Ob er dann am Ende des Tages ein wirklicher Klassiker wird? Er hat das Potenzial dazu. Aber ob er einer wird à la "Rumble in the Jungle" oder "Thrilla in Manila", die großen Fights von Muhammad Ali gegen Foreman und Frazier, das ist natürlich abhängig vom Kampfverlauf. Sollte es, was ich nicht hoffe und glaube, ein langweiliger, rein taktisch geprägter Kampf werden, dann werden sich in ein paar Jahren nicht mehr so viele daran erinnern. Aber wenn es ein ausgeglichenes Duell auf höchstem Niveau wird, was sehr gut passieren kann, dann kann es ein absoluter Klassiker werden. Und dann werden vielleicht auch, wie bei den vorher genannten Kämpfen, die Menschen noch in 30, 40, 50 Jahren darüber reden.

Sie haben viele Kämpfe gesehen und auch live am Ring kommentiert – wer gewinnt das Duell in Riad?

Ich persönlich tippe auf Usyk. Einfach, weil ich glaube, dass er der Bessere von zwei sehr, sehr Guten ist. Die beiden sind aktuell die beiden Besten im Schwergewicht, gar keine Frage. Aber ich glaube, dass Usyk eben noch dieses Etwas mehr hat, was man braucht, um so einen Kampf zu gewinnen. Ich glaube, dass er mental der Stärkere ist. Und das sagt schon viel, wenn es gegen einen Mann wie Fury geht. Ich denke auch, dass er technisch und taktisch etwas mehr drauf hat. Ich tippe auf einen Punktsieg: 7:5 nach Runden für Usyk.

Usyk der Rechtsausleger - technisch brillant, schnell, vorzügliche Beinarbeit. Aber auch Fury: sehr agil für solch einen Koloss. Styles make fights, lautet die alte Boxweisheit. Was erwarten Sie für einen Kampfverlauf in Riad?

Das ist ein sehr, sehr enger Kampf, so ein klassischer Fifty-Fifty-Fight. Das sieht man an den Wettquoten und auch, wenn man sich anschaut, wie auf verschiedenen Boxwebsites Prominente und Ex-Champions tippen. Das ist gespalten. Ich sage: Wird es ein klassisches Boxing Match, gewinnt Usyk. Wird es ein Streetfight, gewinnt Fury.

Was müssen die Kämpfer jeweils tun, um eben das hinzubekommen? Was muss Usyk tun, damit es ein technisches Boxgefecht wird? Was muss Fury tun, um das Ganze zu einem Streetfight, einer Keilerei werden zu lassen?

Usyks große Stärke ist seine Geschwindigkeit, seine Beinarbeit. Er hat extrem schnelle Fäuste, bietet immer wieder verschiedene Winkel an, ist ganz schwer zu treffen. Und genau das ist Furys größtes Problem. Er muss diesen kleineren und unglaublich agilen Mann stellen, muss den Rhythmus von Usyk brechen. Ich habe den Ukrainer in vielen Trainingscamps der Klitschkos gesehen. Das ist jemand, der kann zwölf Runden durchmarschieren und so trainiert er auch. Der ist immer 100 Prozent vorbereitet, immer topfit, hat nie nachgelassen. Im Gegensatz zu Fury, der zwischendrin extrem zugenommen hat, dann auch die letzten Kämpfe nicht so dolle bestritten hat. Die Frage ist: Hat Fury es drauf, diesen Rhythmus zu brechen, diesen kleineren, extrem agilen Mann zu stellen? Denn Usyk wird schnell sein und dieses klassische "Stick and Move" zeigen, also reingehen in den Mann, Kombinationen schlagen, und dann wieder rausgehen, unterwegs sein, nach links, nach rechts ausweichen. Es ist ein alter Hut: Ein bewegliches Ziel ist sehr schwer zu treffen. Das wird Furys Thema sein.

Fury ist aber deutlich größer und hat seine Gegner zuletzt meist mit einem offensiven Stil und all seiner Masse regelrecht erdrückt …

Sein Coach ist Sugar Hill Steward, der damals auch einige Zeit als Assistenz-Coach bei Wladimir in unseren Trainingscamps dabei war. Er hat die sogenannte Kronk-Schule aus Detroit von seinem Onkel Emanuel Steward weiterverfolgt. Bei Emanuel Stewards größten Schülern wie Thomas Hearns, Lennox Lewis und Wladimir Klitschko bedeutete das immer: Hinter dem Jab arbeiten, den Kampf so, ohne Gefahr einzugehen, dominieren, sicher boxen und wenn man am Mann ist, und doch Gefahr droht, klammern und sich mit mit vollem Gewicht auf die meist kleineren Gegner legen, den Kampf unterbinden und den Gegner so zermürben.

Warum dürfte das für Fury gegen Usyk so schwer werden?

Wenn Usyk fit ist, nicht irgendwelche Verletzungen hat, und eben mit seiner grandiosen Beinarbeit agieren kann, die er in all seinen Kämpfen - auch zum Beispiel in den beiden Fights gegen Anthony Joshua - gezeigt hat, wird es für Fury extrem schwer, ihn zu stellen. Usyk ist zudem jemand, der in den Championship Rounds zehn, elf und zwölf in beiden Kämpfen gegen Joshua noch besser geworden ist und hinten raus dominiert hat. Das sagt eigentlich alles über seine Klasse und seine Kondition. Er hat von Joshua im zweiten Kampf extrem harte Schläge eingesteckt und auch gezeigt, dass er entsprechende Nehmerfähigkeiten hat. Und Fury hat sicherlich nicht so einen harten Punch wie Joshua.

Nehmerfähigkeiten und Stehauf-Qualitäten hat aber auch Fury unter Beweis gestellt. Knockout-Experten wie Wladimir Klitschko und Deontay Wilder haben es nicht geschafft, ihn k.o. zu schlagen. Kann ausgerechnet der physisch schwächere Usyk das?

Das kommt auf den Frustrationsfaktor an. Sollte es so kommen, wie ich gesagt habe, dass Usyk hinten raus immer stärker wird und Fury frustriert, ist alles möglich. K.o.-Schläge kommen vor allem dann, wenn man sie nicht sieht. Usyks großes Plus ist, dass er extrem schnell ist: mit den Händen, mit seinem Körper. Dass er mit seiner Beweglichkeit aus verschiedensten Winkeln schlägt, auch beidhändig. Speziell seine linke Hand ist extrem stark, eine der besten im Schwergewicht. Man hat das gegen Joshua gesehen, der einige Male wackelte. Wenn der erste Kampf etwas länger gedauert hätte, wäre Joshua möglicherweise k.o. gegangen. Das zeigt, Usyk hat es drauf. Aber ich gehe davon aus, dass das es zu einem Punktentscheid kommt.

Haben Sie Sorge, dass es zu einem dubiosen Urteil kommt wie etwa beim ersten Kampf zwischen Evander Holyfield und Lennox Lewis 1999 in New York?

Ich saß damals im Madison Square Garden am Ring mit Ralf Rocchigiani und wir haben den Kampf für Premiere, den Vorläufer von Sky, kommentiert. Ich glaube, wir hatten beide Lennox Lewis drei, vier Runden vorne. Auch alle um uns herum im Medienbereich haben es genauso gesehen. Aber klar, im Boxen, in dem Moment, an dem es auf die Punktzettel geht, ist es immer möglich, dass Punktrichter das Ganze anders beurteilen – oder bewusst anders wollen. Fakt ist aber, dass bei Fury gegen Usyk natürlich beide Camps Einfluss haben auf die Auswahl der Offiziellen. Ich glaube ohnehin, dass nicht nur die Punktrichter ganz wichtig sein werden …

Sondern - wer noch?

Der Ringrichter spielt eine entscheidende Rolle. Denn Fury wird wie gesagt versuchen, diesen Kampf irgendwie schmutzig zu gestalten. Er wird versuchen, am Mann zu klammern, Ellbogen und alles, was in irgendeiner Form möglich ist, ins Spiel zu bringen, um Usyk zu brechen. Da braucht man einen Top-Ringrichter, der diese beiden - und Fury ist ja auch sehr, sehr groß und sehr, sehr schwer - entsprechend trennen kann und dazwischen geht. Was die Punktrichter und den Ringrichter betrifft, gehe ich davon aus, dass beide Seiten starken Einfluss darauf nehmen, dass erfahrene und objektive Offizielle von den vier Weltverbänden eingeteilt werden.

Diplomatisch ausgedrückt. Sie haben die Kronk-Schule aus Detroit angesprochen. Dazu gehört auch, dass ein großer Boxer einen kleineren mit Aufwärtshaken abfängt. Ist das der Schlüsselschlag für Fury?

Natürlich. Die Frage ist aber immer: Wie schnell musst du sein, um diesen kleinen, agilen, extrem schnellen Mann zu stellen? Das gilt für jeden Schlag. Man darf nie vergessen: Der Uppercut ist auch ein gefährlicher Schlag für den, der ihn abfeuert. Er ist relativ lange von unten unterwegs und der Gegner kann kontern. Das ist etwas, was Usyk natürlich vorbildlich beherrscht. Wenn er aber am Mann stehen sollte, so wie Deontay Wilder oder Dillian Whyte gegen Fury, dann hat er ein Problem, weil Fury, und das spricht für einen so großen Mann, den Uppercut eben schlagen kann. Die meisten Großen können das nicht. Vitali oder Wladimir haben den Schlag ganz, ganz selten angebracht. Der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister Riddick Bowe, von dem ich einige Kämpfe kommentiert habe, hat meiner Ansicht nach den besten Aufwärtshaken geschlagen für einen Mann dieser Größe, er war ja auch fast zwei Meter groß. Usyk darf also keinesfalls vor Fury stehen und sich diesen Uppercut abholen. Aber das weiß er natürlich. Deswegen wird er immer versuchen, unterwegs zu sein, sich nie stellen zu lassen und nie direkt vor Fury zu stehen.

In Großbritannien gibt es viele Stimmen, die sagen: Fury muss zum Körper schlagen, das sei die Schwachstelle von Usyk. Ist das so – sind Körpertreffer das Kryptonit des Ukrainers?

Sport.de

Dieser Text ist zunächst bei den Kollegen von sport.de erschienen.

Definitiv. Man hat das auch im Kampf gegen Daniel Dubois im August 2023 gesehen. Ich war bei dem Kampf live dabei in Wrocław, saß ganz vorne am Ring. Es lässt sich sicherlich darüber streiten, ob Dubois den Weltmeister da in der fünften Runde mit einem Tiefschlag zu Boden geschickt hat, oder ob der Punch legal war. Es war an der Grenze. Fakt ist, der Ringrichter hat gesagt, er war tief und hat ihm die Zeit zur Erholung gegeben. Sonst wäre Usyk auch aufgestanden, hätte weitergemacht. Es war nicht so, dass Usyk total angeschlagen war und nicht hätte weitermachen können. Klar ist, dass Usyk sich auch in anderen Kämpfen schon häufig beim Ringrichter über vermeintliche Tiefschläge beklagt hat, die Körpertreffer waren. Ganz klar, das ist seine Achillesferse.

Normal heißt es im Boxen, dass ein guter großer einen guten kleinen Boxer immer schlägt. Warum glauben Sie, dass Usyk diese Faustformel widerlegt?

Gut ist natürlich immer relativ. Ich glaube eben, dass Usyk in vielen Bereichen besser ist. Die Schwierigkeit besteht für Fury darin, dass er als großer Mann den Kampf eigentlich aus der Distanz gestalten müsste, so wie das andere körperlich sehr große Schwergewichtler gemacht haben, wie Lennox Lewis, wie Riddick Bowe, wie Vitali, Wladimir oder Larry Holmes. Den Kampf eben auf dem Jab aufbauen. Nur das Problem ist: Wenn vor deinem Jab keiner steht, sondern immer unterwegs ist, ist es natürlich schwierig, die Führhand und die Reichweitenvorteile zu nutzen. Genau darin besteht die Problematik für Fury: den Rhythmus des Kleineren, Agilen zu brechen, denn das ist Usyks große Stärke: Diese Schnelligkeit, diese Geschwindigkeit, diese verschiedenen Winkel, diese Moves. Darauf baut Usyk jeden Kampf auf. Und damit hat er auch bisher jeden Kampf gewonnen. Und das ist die große spannende Frage: Kann ein sicherlich diesmal topfitter Fury Usyks Rhythmus brechen und seine eigenen Stärken implementieren? Samstagabend wissen wir mehr.

Mit Bernd Bönte sprach Martin Armbruster

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