Messerattacke von Brokstedt: Für Ibrahim A. geht es um Gefängnis oder Psychiatrie

Messerattacke von Brokstedt: Für Ibrahim A. geht es um Gefängnis oder Psychiatrie
Durch: Unterhaltung Erstellt am: Mai 15, 2024 anzeigen: 6

Es ist ein schrecklicher Anblick, der sich nach dem Messerangriff in einem Regionalzug im schleswig-holsteinischen Brokstedt bietet. Eineinhalb Jahre später endet der Prozess gegen den Täter. Das Gericht muss entscheiden: Ist Ibrahim A. ein Mörder oder psychisch krank?

Es ist der 25. Januar 2023 im Regionalzug von Kiel nach Hamburg, eine Staatsanwältin wird es später eine "klassische Pendlerfahrt im öffentlichen Nahverkehr" nennen. Ibrahim A. steigt in Neumünster in den Zug, nachdem er zuvor aus einem ICE nach Hamburg aussteigen musste, weil er keine Fahrkarte vorweisen konnte. Er hat ein Messer bei sich, dass er nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft in einem Supermarkt gestohlen hat. Kurz nach der Abfahrt in Neumünster zieht er dieses Messer und greift Fahrgäste an. Erst im Bahnhof von Brokstedt kann er überwältigt werden. Da sind zwei Menschen tot, fünf weitere zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Seit Juli 2023 stand A. für diesen Angriff, der bundesweit Entsetzen ausgelöst hatte, vor Gericht. Nun soll vor dem Landgericht in Itzehoe das Urteil fallen. Angeklagt war der inzwischen 34-Jährige wegen zweifachen Mordes, vierfachen Mordversuchs und Körperverletzungsdelikten. Eines seiner Opfer, eine Frau, die ihm gegenübersaß und so schwer verletzt wurde, dass sie zeitweise in ein künstliches Koma versetzt werden musste, hatte sich vor Prozessbeginn das Leben genommen.

Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haft und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, das würde eine vorzeitige Entlassung ausschließen. Staatsanwältin Janina Seyfert sagte in ihrem Plädoyer, nach Aussagen der Zeugen stehe fest, "dass der Angeklagte seine Angriffsserie völlig unvermittelt gestartet hat". Als mögliche Mordmerkmale kommen Heimtücke und Mordlust in Betracht. Nach dem ersten Angriff seien die Passagiere im Zug geflüchtet und der Angeklagte habe gezielt weitere Opfer gesucht. Er habe fremde Menschen in einer "absoluten Alltagssituation" während der Zugfahrt aus Frust über seine schwierige Lebenssituation töten wollen.

Problematische Entwicklung

A. hatte in Kiel erfolglos bei der Ausländerbehörde wegen der Verlängerung eines Dokuments vorgesprochen. Wenige Tage zuvor war er in Hamburg aus etwa einjähriger Untersuchungshaft entlassen worden und galt als drogenabhängig und obdachlos. Als Flüchtling lebte der in Gaza geborene Mann seit 2014 legal in Deutschland. Nach mehreren Straftaten gab es jedoch Bemühungen, ihm den subsidiären Schutz zu entziehen.

Die Tat hatte auch eine politische Diskussion ausgelöst, weil die Zuständigkeiten für A., sowohl was seine Straftaten angeht als auch seinen Flüchtlingsstatus betreffend, ungeklärt waren. Es gab erhebliche Kommunikationslücken zwischen Strafverfolgungs- und Ausländerbehörden verschiedener Bundesländer und dem Bund.

An 38 Verhandlungstagen seit Juli 2023 befragte das Gericht 97 Zeugen und Gutachter. Fahrgäste, Polizisten und Rettungskräfte berichteten, wie sie das Grauen im Regionalexpress und auf dem Bahnhof an jenem Winterabend erlebten.

"Habe nichts zu sagen"

Im Prozess ging es auch immer wieder um die Frage der Schuldfähigkeit von A. Sein Verteidiger Björn Seelbach sprach sich für einen formalen Freispruch und eine Unterbringung in der Psychiatrie aus. Er hält A. für psychisch krank und nicht schuldfähig und hatte seit Prozessbeginn erfolglos darauf gedrungen, seinen Mandanten aus der Untersuchungshaft in eine psychiatrische Einrichtung zu überstellen.

In seinem Gutachten diagnostizierte der vom Gericht beauftragte psychiatrische Sachverständige jedoch keine tatrelevante Einschränkung der Schuldfähigkeit bei dem Beschuldigten. Zwar liege wegen einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) eine seelische Erkrankung vor, sagte Professor Arno Deister. Aber es gebe keine Hinweise darauf, dass die Einsichts- und Steuerungsfähigkeit beim Angeklagten am Tattag nicht gegeben war. Einen Antrag der Verteidigung auf Einholung eines zweiten Expertengutachtens hatte das Gericht unmittelbar vor der Schließung der Beweisaufnahme abgelehnt.

Zu Beginn des Prozesses hatte der Angeklagte in einer wirren Rede abgestritten, der Täter zu sein. Später ließ er seinen Verteidiger jedoch eine Erklärung verlesen, dass ihm die Tat leidtue. Er sei provoziert worden und habe die Kontrolle verloren. In seinem letzten Wort sagte der Palästinenser: "Ich habe gar nichts zu sagen."

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