Mit Jodie Foster wird «True Detective» zur Frauensache – «Night Country» ist die bis anhin erfolgreichste Staffel der HBO-Serie

Mit Jodie Foster wird «True Detective» zur Frauensache – «Night Country» ist die bis anhin erfolgreichste Staffel der HBO-Serie
Durch: Feuilleton Erstellt am: März 14, 2024 anzeigen: 180

Die vierte Staffel der Kultserie, «Night Country», verbannt unter der Regie von Issa López die Männer in den Permafrost. Sie ist aber auch darüber hinaus überaus sehenswert. HBO hat die Regisseurin bereits für eine fünfte Staffel engagiert.

Jody Foster (links) und Kali Reis legen in «True Detective: Night Country» die Messlatte hoch fürs Serienjahr 2024.

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Man kann nicht sagen, dass in «True Detective» Frauen bis anhin eine grosse Rolle gespielt hätten. Einmal abgesehen von Kommissarin Ani Bezzerides (Rachel McAdams in Staffel 2), kamen sie in der angsteinflössenden, testosteronwabernden «True Detective»-Welt nur am Rande vor: als betrogene Polizisten-Ehefrau, Prostituierte, Zeugin – so was halt. Über drei Staffeln und zehn Jahre hinweg zelebrierte diese ambitionierte Neo-Noir-Serie Virilität, als handle es sich hierbei um ein filmisches Naturgesetz.

Noch eher hätte man sich vorstellen können, dass HBO die aufsehenerregende, 2014 gestartete und in sehr losen Abständen (2015, 2019) fortgesetzte filmische Anthologie auslaufen lassen könnte, als dass hier ein weibliches Team übernehmen würde. Vielleicht war aber auch einfach die Zeit reif. Und dies nicht nur, weil «True Detective» dem Prinzip folgt, dass jede Staffel mit neuer Besetzung an anderem Schauplatz eine abgeschlossene Erzählung umfasst.

Jedenfalls geht man hier zielorientiert das Problem an, dass Detectives meist Männer sind und die Opfer von Verbrechen vorwiegend Frauen. Mit den Schauspielerinnen Jodie Foster und Kali Reis sowie der Regisseurin Issa López kommt ein hochkarätiges Team zusammen, das aus einer solchen Frage Funken schlägt, ohne das Ganze wie einen selbstzerstörerischen Verteidigungsversuch aussehen zu lassen. Es dürfte schwer sein, diesen weiblichen Kreativgeist im laufenden Serienjahr noch zu toppen.

Lange Polarnacht

«Night Country» spielt in der fiktiven Stadt Ennis, 150 Meilen nördlich des Polarkreises, «am Ende der Welt». Und weil hier in Alaska gerade die Polarnacht anfängt, wird es nicht mehr hell werden nach den heftigen ersten Filmminuten, in denen eine Herde Rentiere sich zum letzten Sonnenuntergang des Jahres in den Abgrund stürzt, als seien die Tiere lebensmüde.

Sie ist eine Entdeckung: Kali Reis alias Evangeline Navarro in der 4. Staffel von «True Detective».

Sie ist eine Entdeckung: Kali Reis alias Evangeline Navarro in der 4. Staffel von «True Detective».

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Keiner wird dieses Rätsel lösen. «Auf manche Fragen gibt es keine Antworten», wird Jodie Foster alias Detective Liz Danvers gegen Ende sagen. Man muss das wissen: Wer alles ausdiskutiert haben möchte, ist falsch in diesem Film. «True Detective» lebte schon immer von Mystik; man darf sich nicht wundern über seltsam untote Strohpuppen. Womit auch gleich gesagt sei, dass die Regisseurin den vorangegangenen Staffeln in manchen Bezügen die Reverenz erweist.

Die Welt von Ennis ist überschaubar. Die Stadt lebt von einer Mine und krankt durch Umweltschäden an ihr, was die Bevölkerung, Einheimische und Zugewanderte, in Befürworter und Gegner spaltet. In einer nahe gelegenen Forschungsstation verschwinden auf mysteriöse Weise acht Wissenschafter; sechs von ihnen werden wenig später tiefgefroren im Eis gefunden.

Die Polarnacht ist noch jung, da gruselt es einen schon gewaltig angesichts der Männer, die wie eine Skulptur nach Edvard Munchs «Schrei» mit Kopf oder Gliedmassen aus dem Eis ragen. Die Auslegeordnung, die sie bei ihrem offensichtlich überstürzten Aufbruch in der Forschungsstation zurückgelassen haben – Junk-Food, laufendes Heimkino –, ist gespenstisch. Auf einer Tafel hat einer in grossen Lettern eine Nachricht hinterlassen: «We are all dead.» Aber weshalb legt man angesichts des sicheren Todes seine Kleider sorgsam zusammengefaltet in den Schnee, als hätte man sich nur kurz ein Eisbad gegönnt?

Die örtliche Polizeichefin Liz Danvers übernimmt den Fall. Und wenn sie die unheimlich verlassene Forschungsstation zum ersten Mal inspiziert, dann muss man das lieben, weil über Jodie Fosters Gesicht ganz kurz das Vibrieren ihrer vielleicht grössten Rolle, der FBI-Agentin Clarice Starling, huscht. Es ist die Angst der Ermittlerin vor dem menschlichen Abgrund. Gemütlich wird es hier nicht mehr.

Grosses Kino

Die mit sechs Episoden kürzeste Staffel von «True Detective» schlägt ein rasantes Tempo an. Billie Eilishs Titelsong «Bury a Friend» liefert den dunklen, flüsternden Sound, der an die grossen weiblich dominierten Nordic Noirs, an «Kommissarin Lund» und «Die Brücke», erinnert. Jodie Fosters Figur reiht sich ein in diese (von Sofie Gråbøl und Sofia Helin gespielten) legendären weiblichen Ermittlerinnen.

Foster gibt Danvers als ambivalente Figur, mit ihrem schmalen, von persönlichen Verlusten gezeichneten Gesicht versinkt sie im viel zu grossen Parka. Ihren jungen, unterwürfigen Mitarbeiter (Finn Bennett) hält sie rücksichtslos durch immer neue Aufträge von dessen Familie fern. Ihre indigene Ermittlungspartnerin Evangeline Navarro putzt sie auch mal mit rassistischen Bemerkungen runter, wenn diese eine Spur entdeckt: «Dein Totemtier zeigte es dir im Traum?» Wie die Zweiflerin von Navarro eines Besseren belehrt wird, wenn diese sich auf Liz’ toten Sohn beruft, darin äussert sich die grosse Humanität in dieser Geschichte.

Einen kurzen Moment leuchtet in Jody Fosters Schauspiel in «True Detective» ihre grosse Rolle der Clarice Starling in «The Silence of the Lambs» (1991) auf.

Einen kurzen Moment leuchtet in Jody Fosters Schauspiel in «True Detective» ihre grosse Rolle der Clarice Starling in «The Silence of the Lambs» (1991) auf.

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Kali Reis, die sich auch als Profiboxerin einen Namen machte, ist mit ihrer physischen Präsenz der perfekte Sidekick neben der intellektuellen Foster. An psychologischem Streugut fehlte es noch nie in dieser Serie, und so schaut man den Ermittlerinnen, die durch einen alten Fall auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden sind, zu, wie sie sich aneinander abarbeiten. Als «body and brain» zeigen die beiden grosses Schauspielerkino.

Man habe diese (in Island produzierte) Staffel selbstverständlich nicht drehen können, ohne die indigene Bevölkerung einzubeziehen, der filmische Schauplatz Alaska sei deren Heimat, sagt die Filmautorin. In manchen Szenen erweist ihr Werk Jane Campions erstem Teil von «Top of the Lake» die Reverenz: im Fokus auf die sozialen und menschlichen Abgründe einer amerikanischen Randzone, wo mit der geografischen Isolation eine psychische oder moralische Entgrenzung einhergeht. López thematisiert die Kluft zwischen den Weissen und den Iñupiat, den alltäglichen Rassismus, die soziale Ungleichbehandlung mit einem unaufdringlichen sozialen Blick, ohne sich damit moralisch aufzudrängen.

Die mexikanische Regisseurin, die sich mit «Tigers Are Not Afraid» bereits im Horror-Genre übte, hat sichtlich Freude, den unheimlichen Groove von «True Detective» in einer eigenwilligen, dunklen Variante neu zu beleben. Sie macht den Tag zur Nacht, was nur schon filmtechnisch eine grosse Herausforderung bedeutet.

López treibt nicht einfach die Aufklärung von Morden voran, sondern zeigt ein lustvolles Interesse an der Grenze von Leben und Tod, entwirft einen atmosphärischen Schwebezustand zwischen Vergänglichkeit und Wiederkehr. Denn einerseits macht die Nacht uns besonders empfindlich und empfänglich für Unerklärbares. Andrerseits herrscht hier der Permafrost, der die natürliche Zersetzungsarbeit des Todes verhindert. Dann gibt er reglose Körper frei, als wären sie noch lebendig. Die Frage ist berechtigt, wie man es schafft, in diesem andauernden Ausnahmezustand nicht irre zu werden.

Bis anhin erfolgreichste Staffel von «True Detective»

Getreu dem Prinzip von «True Detective» entwickelt diese Staffel konsequent eine eigene Erzählhaltung – im psychologischen Blick auf die Ermittlerinnen, aber auch in einer Art magischem Realismus, der inmitten der schwachen Beleuchtung mit dunklen Eisbären oder aus dem Nichts heranrollenden Orangen Magie anknipst.

«Night Country» ist ein Überraschungscoup: HBO meldet, nachdem nun alle Episoden aufgeschaltet sind, mit über 12 Millionen Abrufen die bis anhin meistbeachtete Staffel von «True Detective»; Issa López wurde bereits für eine fünfte Staffel engagiert. Damit sorgt der produzierende Bezahlsender dafür, dass sich nach dem Ende von «The Crown» immerhin noch eine letzte Serie aus dem goldenen Jahrzehnt in unsere von Highlights grad nicht mehr so gesegnete Serienlandschaft hinüberretten darf. Auf sozialen Plattformen wurde schon der Wunsch laut nach einer Wiederkehr dieses aufsehenerregenden Teams. Aber bei «True Detective» vergisst man am besten gleich, was man gesehen hat, weil alles anders bleibt.

«True Detective», Staffel 4, 6 Episoden à zirka 60 Minuten bei Sky Show.

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