Am liebsten komponierte er Weltliteratur – zum Tod von Aribert Reimann

Am liebsten komponierte er Weltliteratur – zum Tod von Aribert Reimann
Durch: Feuilleton Erstellt am: März 14, 2024 anzeigen: 38

Shakespeares «Lear», Kafkas «Schloss», Dramen von Euripides bis Strindberg und García Lorca: Aribert Reimann hatte keine Scheu vor grossen Stoffen. Jetzt ist der bedeutende Lied- und Opernkomponist 88-jährig in Berlin gestorben.

Der Komponist, Pianist und Liedbegleiter Aribert Reimann (1936–2024), hier 2017 bei Proben zu seinem letzten Bühnenwerk «L’Invisible» in der Deutschen Oper Berlin.

Ullstein

Er glaubte an die Macht des gesungenen Worts. Und er glaubte unerschütterlich daran, dass Gesang auf einer Bühne Emotionen wecken, Menschen bewegen und packende Inhalte vermitteln solle. Für einen deutschen Komponisten der Nachkriegsgeneration, die durch den Missbrauch von Musik und Gesang im Faschismus sensibilisiert worden war, erschien das nicht mehr selbstverständlich.

Aribert Reimann aber, der am Mittwoch im Alter von 88 Jahren in seiner Heimatstadt Berlin verstarb, ist mit seinem reflektierten Festhalten an der jahrhundertealten Symbiose von Text und Musik, von Lyrik und Lied, von Drama und Oper zu einem der grossen Komponisten unserer Gegenwart geworden.

Lust an grossen Stoffen

Charakteristisch für sein breit gefächertes Schaffen, das neben dem Musiktheater und vielfältigsten Formen von Vokalmusik auch Kammer- und Orchestermusik umfasst, ist Reimanns Lust an herausragenden Stoffen und Texten der Weltliteratur. Wie vor ihm Alban Berg mit seinen Opern «Wozzeck» (nach Büchner) und «Lulu» (nach Wedekind) bewies Reimann eine für den Musikbetrieb nach 1945 durchaus eigenwillige Unbefangenheit, was die Frage der «Vertonung» von literarisch autonomen Meisterwerken anbelangte.

So gehörte er zu den ersten Komponisten, die Gedichte Paul Celans als Vorlage für Vokalwerke wählten, obwohl dessen genuine Wort-Musik keine weitere Musikalisierung zu benötigen scheint. Vor allem aber griff Reimann bei der Wahl seiner Opernsujets immer wieder beherzt zu literarischen Monumenten. Das begann schon 1965 mit seinem Erstling «Ein Traumspiel» nach dem Theaterstück von August Strindberg, dem er zwanzig Jahre später noch dessen «Gespenstersonate» an die Seite stellte.

Es folgten unter anderem die Opern «Melusine», «Troades» nach Franz Werfels Fassung der «Troerinnen» des Euripides, Adaptionen von Kafkas Roman «Das Schloss» und von Federico García Lorcas Drama «Bernarda Albas Haus» sowie 2010 eine «Medea» nach Franz Grillparzer. Sein letztes Musiktheaterwerk, «L’Invisible», uraufgeführt 2017, basierte gleich auf drei Dramen von Maurice Maeterlinck.

Mit diesen Werken schuf er eine individuelle Spielart der sogenannten Literaturoper. Ihr liegt die Idee zugrunde, einen Text weitestgehend unverändert in seiner sprachlichen und ästhetischen Struktur zur Grundlage einer musikdramatischen Vertonung zu machen. Das Prinzip, das unter anderem durch Modest Mussorgsky, die «Salome» von Richard Strauss und Claude Debussys Maeterlinck-Oper «Pelléas et Mélisande» etabliert wurde, galt freilich in Avantgardekreisen als überholt. Reimann hingegen vertraute weiterhin auf die Kraft des Wortes und hielt beharrlich an der Überzeugung fest, dass das Musiktheater dramatische und erzählerische Strukturen brauche, um das Publikum zu erreichen.

«Lear» für Fischer-Dieskau

Tatsächlich erweisen sich solche narrativen Strukturen heute oft als das entscheidende Kriterium für die Überlebensfähigkeit eines Bühnenwerks im 21. Jahrhundert. Reimanns Opern bringen dafür beste Voraussetzungen mit. Denn sie sind durchtränkt von einem ursprünglichen Sinn für die Wirkungsweise des Theaters, das er schon als junger Mann in verschiedenen Funktionen, etwa als Korrepetitor, kennengelernt hatte. Und Reimann, der dementsprechend ein überragendes Handwerk besass, wusste auch, dass es der Oper im Lauf ihrer vierhundertjährigen Geschichte immer aufs Neue gelungen war, gerade besonders anspruchsvollen Stoffen wie dem Faust-Mythos eigenständige Sichtweisen abzugewinnen.

Sein eigenes Meisterstück in dieser Hinsicht gelang ihm 1978 mit Shakespeares «Lear». Mit dieser Opernversion verwirklichte Reimann ein Vorhaben, um das Giuseppe Verdi sein Leben lang vergeblich gerungen hatte. Inspiriert wurde Reimanns «Lear» wesentlich durch Dietrich Fischer-Dieskau; der grosse Bariton verkörperte die Titelrolle bei der Uraufführung in München. Das Werk demonstriert exemplarisch Reimanns Meisterschaft im Umgang mit der menschlichen Stimme, die er aus engen Partnerschaften mit Künstlern wie Fischer-Dieskau, Elisabeth Grümmer und Brigitte Fassbaender gewonnen hatte. Die Arbeit mit Sängern, gerade auch mit Nachwuchskräften, stand bis ins Alter im Zentrum von Reimanns Wirken als Liedbegleiter und als Hochschullehrer.

Gleichzeitig zeigen ihn die avancierten Techniken seiner Partituren weit entfernt von allen retrospektiven oder postmodernen Tendenzen. Aribert Reimann verband unbedingte Zeitgenossenschaft mit dem Bewusstsein für die grosse musikalische und kulturelle Tradition. Es gibt nicht mehr viele Komponisten wie ihn.

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