Analyse des Wahlergebnisses: AfD und BSW greifen anderen Parteien Wähler ab

Analyse des Wahlergebnisses: AfD und BSW greifen anderen Parteien Wähler ab
Durch: Politik Erstellt am: Juni 09, 2024 anzeigen: 11

Erstmals dürfen unter 18-Jährige ihr Kreuz bei der Europawahl machen. Und erstmals steht das Bündnis Sahra Wagenknecht auf dem Stimmzettel. Beide Faktoren wirken sich auf das deutsche Wahlergebnis aus. Forscher analysieren das Votum.

Der Sieg der Union bei der Europawahl ist auch auf das schlechte Ansehen der Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP zurückzuführen - allerdings ist auch das Zutrauen in das politische Können von CDU und CSU gering. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Forschungsgruppe Wahlen.

Demnach hat den Ampel-Parteien ihre schlechte Performance im Bund geschadet. 66 Prozent der Bürger seien mit der Bundesregierung unzufrieden. Allerdings meinen nur 30 Prozent, dass die CDU/CSU - wäre sie an der Regierung - die Sache besser machen würde. Auch personell kann die Union nach der Wahlanalyse nicht überzeugen. Weder der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz noch CSU-Chef Markus Söder könnten sich beim Ansehen klar vom schwachen Bundeskanzler Olaf Scholz absetzen.

Für 46 Prozent der Befragten sei bei ihrer Entscheidung die Politik in Europa ausschlaggebend gewesen, für 49 Prozent die Bundespolitik. Als Gradmesser für den Bund tauge die Europawahl wegen ihrer eigenen Regeln aber nur bedingt.

Schlechtes Image schadet AfD nicht

Beim Image müssen viele Parteien Federn lassen, die Grünen erleben jedoch geradezu einen Einbruch. Auf der von +5 bis -5 reichenden Skala stürzen sie von plus 1,2 bei der Wahl 2019 auf jetzt minus 0,8 ab. Das AfD-Ansehen bleibt der Wahlanalyse zufolge mit minus 2,8 extrem schlecht (2019: minus 3,1). 74 Prozent sähen in der AfD zudem eine Gefahr für die Demokratie. Die CDU/CSU sinkt von plus 1,2 auf plus 0,8, die SPD von plus 0,8 auf 0,0 und die FDP von plus 0,2 auf minus 0,6.

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Überdurchschnittlich gut schnitt die AfD trotz des schlechten Images laut Institut Infratest Dimap vor allem bei jungen Menschen, Männern, bei Arbeiterinnen und Arbeitern und bei Menschen mit eher niedrigem Lebensstandard ab. Die Grünen verzeichneten ihre besten Ergebnisse bei Menschen mit hohem Bildungsabschluss und bei Frauen.

Die AfD konnte bei den Jungwählern zwischen 16 und 24 Jahren punkten - in dieser Gruppe lag die AfD zusammen mit CDU/CSU laut Infratest Dimap mit jeweils 17 Prozent auf Platz eins. Die Grünen hingegen kamen bei den Jungen nur noch auf 11 Prozent und lagen damit unter ihrem Gesamtergebnis. Die SPD kommt auf nur noch 9 Prozent - so viel wie auch die Außenseiter-Partei Volt. Wichtigste Stütze der Union bleiben ältere Wählerinnen und Wähler ab 60 Jahren. Hier holt die CDU/CSU 39 Prozent der Stimmen.

Weitaus überdurchschnittlich schnitt die AfD bei Menschen aus der Arbeiterschaft ab: Dort war sie mit 34 Prozent stärkste Partei. Die einstmals als Arbeiterpartei gegründete SPD kam hier nur mehr auf 12 Prozent, die Linkspartei auf 3 Prozent. Bei Menschen mit niedrigem Lebensstandard erzielte die AfD 33 Prozent, bei Menschen mit einfachem Bildungsabschluss lag sie mit 22 Prozent hinter der Union mit 37 Prozent. Bei Männern erreichte die AfD 20 Prozent, bei Frauen nur 13 Prozent.

Etliche Menschen werden zu Nichtwählern

Die Grünen konnten viele dieser Wählergruppen kaum erreichen: In der Arbeiterschaft kamen sie auf vier Prozent, bei Menschen mit niedrigem Lebensstandard auf sechs Prozent und bei Menschen über 70 Jahre auf sieben Prozent.

Analysen zur Wählerwanderung machten deutlich, welche Parteien Wählerinnen und Wähler an andere Parteien verloren. Laut Analyse von Infratest Dimap konnte die AfD Hunderttausende Wählerinnen und Wähler aus anderen Parteien abwerben: 620.000 aus der Union, 580.000 aus der SPD, 470.000 aus der FDP, 160.000 aus der Linkspartei und 50.000 von den Grünen. Von den bisherigen AfD-Wählern stimmten demnach 50.000 für die Wagenknecht-Partei BSW, 360.000 wechselten ins Lager der Nichtwähler.

Die Grünen hingegen verloren Wählerinnen und Wähler an fast alle anderen Parteien - nur von der SPD fielen ihnen neue Stimmen zu (80.000). Den größten Verlust in absoluten Zahlen verzeichneten die Grünen bei jenen Menschen, die ins Lager der Nichtwähler gewechselt sind - dies betraf 560.000 Stimmen.

Ähnlich sah es bei der SPD aus, die allein 2,6 Millionen Menschen an die Nichtwähler verlor. 1,4 Millionen frühere SPD-Wähler wählten diesmal die Union, 580.000 die AfD. 520.000 frühere SPD-Stimmen gingen an die Wagenknecht-Partei BSW. Auf Platz zwei der Wählerwanderung in Richtung BSW lag die Linke mit einem Verlust von 410.000 Stimmen.

Nur Minderheit traut Scholz zu, Interessen durchzusetzen

Die Expertinnen und Experten der Forschungsgruppe Wahlen kommen zu dem Ergebnis, dass die Rechts- und Linksaußen-Parteien AfD und BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht) aus der Kritik an der Ampel-Regierung und aus dem geringen Vertrauen in die Union als politische Alternative Vorteile ziehen, aber auch aus aktuellen Ereignissen und anti-europäischen Stimmungen. Allerdings bewertet eine Mehrheit der Befragten die EU-Mitgliedschaft Deutschlands grundsätzlich positiv.

Gerade im aktuellen Krisenumfeld gelte die EU als hochrelevante Institution, heißt es. So habe die EU für 85 Prozent eine hohe Bedeutung für die deutsche Wirtschaft, 81 Prozent halten sie für Verteidigung und Sicherheit wichtig und 85 Prozent, "um uns gegenüber den USA, Russland oder China behaupten zu können".

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Bei den Kompetenzwerten zeigt die Kanzlerpartei SPD Schwächen. Bei den wichtigsten Themen aus Sicht der Bürger - Verteidigung/Sicherheit und Flüchtlinge/Asyl - wird der CDU/CSU mehr zugetraut als der SPD. Sie hat demnach auch im Politikfeld Europa das Nachsehen. Nur 29 Prozent meinen, dass es Scholz gut gelinge, deutsche Interessen in der EU durchzusetzen.

Beim Klimaschutz führen die Grünen laut Analyse weit weniger souverän als 2019. Die AfD bekomme viel Zuspruch beim Themenbereich Flüchtlinge und Asyl. 65 Prozent fordern eine schärfere EU-Migrationspolitik, darunter mit 88 beziehungsweise 86 Prozent besonders viele AfD- und BSW-Wähler.

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