Putin macht eine Verwandte zur Vizeministerin – in Russlands Politik greift der Nepotismus um sich

Putin macht eine Verwandte zur Vizeministerin – in Russlands Politik greift der Nepotismus um sich
Durch: International Erstellt am: Juni 19, 2024 anzeigen: 12

Der russische Präsident scheint sich immer öfter auf die Kinder von Vertrauten oder gar eigene Verwandte zu verlassen. Darin spiegelt sich eine Verkrustung des Herrschaftssystems.

Anna Ziwiljowa ist schon seit längerem mit Projekten betraut, die Präsident Putin wichtig sind. Dieser ist ein Cousin ihres Vaters.

Anton Vaganov / Reuters

Das russische Verteidigungsministerium wird durchgeschüttelt. Der frühere Minister Sergei Schoigu ist weg, und mit ihm müssen nach und nach auch seine Getreuen ihre Posten verlassen. Präsident Wladimir Putin schickt Verteidigungsminister Andrei Belousow neues Personal, das mit den Auswüchsen der Korruption aufräumen und Missstände bei der Versorgung der Soldaten beheben soll. Zu Wochenbeginn ernannte er unter anderem Anna Ziwiljowa und Pawel Fradkow zu neuen Stellvertretern Belousows.

Ziwiljowa wird sich um soziale Fragen und die Unterbringung der Armeeangehörigen kümmern, Fradkow um Bau- und Infrastrukturprojekte. Dieser Bereich steht nach der Festnahme des Vizeministers Timur Iwanow wegen Bestechlichkeit unter besonders scharfer Kontrolle.

Wundersamer Aufstieg

Die jüngsten Ernennungen setzen einen Trend fort, der in den Personalrochaden seit dem Beginn von Putins neuer Amtszeit im Mai immer auffälliger wird: Kinder von engen Mitstreitern Putins rücken in verantwortungsvolle Positionen auf – und jetzt sogar Verwandte des Präsidenten, auch wenn die Verwandtschaftsgrade nicht offengelegt werden.

Nach allem, was man weiss, besteht kein Zweifel daran, dass Anna Ziwiljowa Putins Nichte zweiten Grades ist. Im Herbst 2021 veröffentlichte das als «unerwünschte Organisation» eingestufte Internetportal «Proekt.media» eine Recherche über die wundersame Erfolgsgeschichte des Kohleförderunternehmens Kolmar und von dessen Besitzern, dem Ehepaar Ziwiljow. Der Ehemann, Sergei Ziwiljow, war damals seit einigen Jahren Gouverneur der Kohleregion Kusbass in Sibirien. Anna Ziwiljowa trat mit sozialen Projekten in Erscheinung und verdiente sich Auszeichnungen der von ihrem Mann geführten Regionalregierung für ihr Engagement. Sie soll laut den Recherchen auf die Arbeit ihres Mannes viel Einfluss ausgeübt haben.

Geboren wurde sie als Anna Jewgenjewna Putina in Iwanowo. Ein Familienfoto soll sie als Jugendliche zusammen mit ihren Eltern Jewgeni und Dia sowie dem Cousin ihres Vaters, dem heutigen russischen Präsidenten, zeigen. Im vergangenen Jahr betraute Putin Ziwiljowa mit der Leitung der Stiftung «Verteidiger des Vaterlands», die sich um Soldaten im Krieg gegen die Ukraine und deren Angehörige kümmern soll.

Annas Bruder Michail ist schon länger in einem verantwortungsvollen Amt: Er sitzt im Vorstand von Russlands staatlichem Erdgaskonzern Gazprom. Auch ihr Mann hat seit kurzem eine neue Aufgabe. Im Zuge der Regierungsumbildung im Mai rückte er in Moskau zum Energieminister auf. Weder damals noch jetzt verlautete offiziell irgendetwas darüber, dass Putin mit den Ziwiljows entfernte Verwandte mit Posten in der Verwaltung betraut.

Auch Putins Töchter tauchen auf

Auch Pawel Fradkow, der weitere neue Vizeverteidigungsminister, hat einflussreiche Verwandtschaft. Sein Vater Michail war von 2004 bis 2007 russischer Ministerpräsident und anschliessend, bis 2016, Leiter des Auslandgeheimdienstes SWR. Pawel Fradkow, der nach einer militärischen Ausbildung an der Hochschule des Inlandgeheimdienstes FSB Jura und an der diplomatischen Akademie Weltwirtschaft studierte, startete seine berufliche Karriere im Aussenministerium und war dann im FSB beschäftigt. Später wechselte er in die Behörde für Staatseigentum und in die Präsidialverwaltung. Sein Bruder Pjotr steht der Promswjasbank vor, einem staatlichen Geldhaus, das auf die Abwicklung von Rüstungs- und anderen besonderen Aufgaben spezialisiert ist.

Neu ist es nicht, dass im Herrschaftssystem Putins Söhne und Töchter von Vertrauten ein Plätzchen finden. Aber in jüngster Zeit häufen sich solche Karrieren auffällig. Bei der Besetzung wichtiger Posten nach Putins neuerlicher Amtseinsetzung stieg etwa Boris Kowaltschuk, der Sohn von Juri Kowaltschuk, eines der engsten Freunde des Präsidenten, zum Vorsteher des Rechnungshofs auf. Dmitri Patruschew wurde Vizeregierungschef für Agrar- und Umweltfragen, ein Amt, das mehr Prestige, aber nicht unbedingt mehr Macht bedeutet. Sein Vater Nikolai, ein langjähriger Weggefährte Putins und in letzter Zeit Sekretär des Sicherheitsrats, wurde dagegen formal zurückgestuft. Der neue Handels- und Industrieminister Anton Alichanow wiederum ist über seine Mutter, eine Ärztin, mit dem Kreml verbunden.

Nicht unbemerkt blieb, dass am diesjährigen Wirtschaftsforum in St. Petersburg erstmals beide Töchter Putins an Diskussionsrunden teilnahmen. Maria Woronzowa, die physisch präsent war, und Katerina Tichonowa, die sich über Video zuschalten liess, tragen zwar andere Nachnamen und werden nie öffentlich mit dem Präsidenten in Verbindung gebracht. Wer sie sind, ist aber mittlerweile ein offenes Geheimnis.

Tiefer Fall

Das Auftauchen von immer mehr Verwandten einflussreicher Personen ist umso auffälliger, als zur Enttäuschung vieler ambitionierter jüngerer Funktionäre Putin im Frühjahr keine Erneuerung und Verjüngung des Staatsapparats einleitete. Je länger Putin im Amt ist, desto mehr schält sich die Essenz seines Machtsystems heraus. Verschiedene um alte Vertraute mit wirtschaftlichem Einfluss herum gebildete Clans buhlen um die lukrativen Posten und teilen die staatlichen Pfründen unter sich auf.

Mit Blick auf den Transfer der Macht, der früher oder später bevorsteht, scheint Putin drei Gruppen am ehesten zu vertrauen: der nächsten Generation seiner bewährten Helfer, Abkömmlingen aus seinem Personenschutz und nun auch eigenen Verwandten. Nepotismus und politische Inzucht sind allerdings ein Zeichen von Erstarrung. Das passt zum politischen System, das durch die Repression gegenüber Andersdenkenden mittlerweile kaum noch Freiräume für Eigeninitiative und unabhängiges Denken kennt.

Mitunter verlieren aber auch diejenigen die Gunst des Kremlherrn, die lange Zeit protegiert worden waren. Das jüngste und für die Machtelite erschreckende Beispiel ist die fast an eine Verbannung erinnernde Ernennung Andrei Turtschaks zum Gouverneur der armen und abgelegenen Teilrepublik Altai im Süden Sibiriens. Noch bis vor kurzem hatte Turtschak, Sohn eines Weggefährten Putins aus St. Petersburg, die Staatspartei Einiges Russland als Generalsekretär operativ geführt, war für Wahlkampagnen zuständig und für die Personalpolitik. Er galt als Anwärter auf einen guten Posten, etwa Gouverneur von St. Petersburg. Jetzt weiss er nicht recht, wie ihm geschehen ist, und muss sich, quasi am Ende der Welt, noch einmal beweisen.

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