"Nicht in Gemeinschaft mit Gott": Mit dem Kreuz gegen die Mafiosi

Durch: Unterhaltung Erstellt am: März 17, 2024 anzeigen: 15

Die Einschüchterungsaktionen der kalabrischen 'Ndrangheta den Priestern gegenüber nehmen zu. Der Mentalitätswandel, den die Geistlichen anstoßen, nimmt den Mafiosi die Unterwürfigen und Handlanger. Und somit auch ihre Macht.

Don Giovanni Panizza gehört zu den Straßenpriestern, Preti di Strada, wie sie in Italien genannt werden, die sich, ihrer Berufung folgend, ganz und gar den sozialen Brennpunktvierteln widmen. Dafür erhielt er 2023 auch die höchste Auszeichnung der Republik für besondere Verdienste. Seit fast 50 Jahren ist der Priester in der kalabrischen Stadt Lamezia Terme tätig, und steht somit an vorderster Front. Kalabrien ist Italiens ärmste Region und das Zuhause der 'Ndrangheta, der hiesigen Mafia.

Kurz nach seiner Ankunft 1975, gründete Don Panizza die Gemeinschaft Comunità Progetto Sud, die Behinderten und Benachteiligten die Chance eines selbstbestimmten und selbstverwalteten Lebens gibt. "Ich war damals 28 Jahre alt, kam aus der norditalienischen Stadt Brescia und wurde mit einer Mentalität konfrontiert, die mir komplett fremd war", erzählt Don Giovanni Panizza im Gespräch mit ntv.de. "Hier war man fest davon überzeugt, dass positive Ereignisse eine Belohnung Gottes waren, und negative eine von Gott geschickte Strafe. Dagegen machen konnte man nichts."

Als erstes bemühte sich Don Panizza, diese verdrehte Religionsauffassung aus der Welt zu schaffen. Danach predigte er seiner Gemeinde, dass jeder eine Verantwortung für sich selbst trägt. Auf das Wohlwollen anderer zu hoffen, sei demnach nicht nur falsch, sondern führe unweigerlich zu Abhängigkeit und Unterwerfung. Wer nicht weiterwusste, wendete sich damals nämlich an die Mafiosi, die mit ihrem Netzwerk an Beziehungen sofort mit Taten dienen konnten.

Selbstverwaltung als Ausweg

"Autogestione", Selbstverwaltung, lautete ab sofort das Zauber- oder genauer gesagt Losungswort, das in knapp einem Jahr zur ersten kleinen Wohngemeinschaft führte, in der sich Menschen mit Gehbehinderung, oder anderen Problemen wiederfanden und ihr Leben selbst in die Hand nahmen. Auch Don Panizza zog mit ihnen ein, und lebt bis heute in einer dieser Wohngemeinschaften. Um selbst für den Unterhalt zu sorgen, wurde eine kleine Werkstatt eröffnet.

Weder die Wohngemeinschaft noch das Unternehmen nahm finanziell anderen etwas weg, und doch störten sich die 'Ndrangheta Clans daran. "Keine zwei Wochen war unser Betrieb alt", erzählt der Priester weiter, "und schon waren ein paar Handlanger da, die Schutzgeld forderten. Natürlich zahlte ich nicht."

Für die Mafiosi war das ein Affront, was sie aber noch mehr störte, war, dass "sich jemand anders und mit einer anderen Einstellung der Hilfsbedürftigen annahm und den jungen Generationen neue Zukunftsperspektiven eröffnete. Damit schwand ihre Macht über die Mitbürger."

Angst und Notwendigkeit

Deswegen nahmen sie das nicht tatenlos hin, sondern reagierten mit Einschüchterungsaktionen. Einmal wurde Don Panizza ins Schlafzimmer geschossen, ein andermal wurden die von der Comunità bewirtschafteten Felder in Brand gesetzt, und wieder ein anderes Mal wurden die Reifen eines Kombiwagens, der zum Transport der Gehbehinderten diente, aufgeschlitzt.

All das machte dem Priester Angst, trotzdem wollte er am Anfang jenen glauben, die meinten, die Täter seien Kleinkriminelle. Dass die Lage für ihn weitaus gefährlicher war, ergab sich dann aber aus einem von den Sicherheitskräften abgehörten Gespräch. In diesem sagte ein gerade aus dem Gefängnis entlassener Mafiaboss, er werde Don Panizza erledigen. Ab dem Moment wurde dem Priester der Personenschutz zugeteilt, der ihn bis heute begleitet.

Panizza ist längst nicht der einzige Geistliche, den die organisierte Kriminalität gerne aus dem Weg räumen würde. Auch andere stehen seit Jahren unter Personenschutz. Zu ihnen gehört Don Luigi Ciotti, der bekannteste Antimafia-Priester. 1995 gründete er die Organisation Libera, die mittlerweile in ganz Italien Ableger hat und sich vorrangig den Familien der Mafiaopfer annimmt. Jeden 21. März gedenkt Libera außerdem mit einer Großkundgebung an die Opfer.

Don Ciotti mag die Bezeichnung Antimafia-Priester nicht, weil sie, wie er unlängst in der katholischen Tageszeitung l'Avvenire schrieb, den Kampf gegen die Mafia als Option darstellt. "Für jemanden, der das Evangelium predigt, ist er jedoch eine Notwendigkeit." Eine Notwendigkeit, die im Laufe der Jahre zunehmend mehr Priester empfinden. Auch so ist die wachsende Zahl von Einschüchterungsversuchen vor allem der ''Ndrangheta gegenüber den Geistlichen in Kalabrien zu erklären.

Kirche stellte sich blind, taub und stumm

Der Kampf der Kirche gegen die Mafia ist aber relativ jung, wie auch der Dokumentarfilm "Chiesa Nostra" des palermitanischen Regisseurs Antonio Bellia erzählt, der am 5. März in Palermo Premiere hatte.

Antonia Bellia zeigt, dass sich etwas verändert.

(Foto: Locandina Chiesa Nostra alta)

In der Nachkriegszeit und bis in die 1990er-Jahre unterhielten die sizilianische Cosa Nostra und die Kirche äußerst fragwürdige Beziehungen. Diese beruhten, wie der ehemalige Oberstaatsanwalt des Anti-Mafia-Pools Roberto Scarpinato im Film sagt, "auf dem gemeinsamen Feind, dem Kommunismus." Wobei die Kirche in diesem Fall auch Sprachrohr der in dieser Zeitspanne regierenden Partei Democrazia Cristiana war. Die Kirche stellte sich blind, taub und stumm, behauptete, die Mafia gebe es nicht.

Erst 1993 griff zum ersten Mal in der Geschichte ein Papst die Mafia frontal an. Johannes Paul II. forderte bei seinem Besuch in Agrigent die Mafiosi auf, sich zu "bekehren, denn Gottes Gericht wird eines Tages kommen". Zwanzig Jahre später, im Sommer 2014, folgte Franziskus diesem Beispiel und ging dabei einen Schritt weiter. Bei einem Besuch in Kalabrien sagte er an die Mafiosi gerichtet: "Sie sind nicht in Gemeinschaft mit Gott. Sie sind exkommuniziert."

Vieles hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert. Vor allem auf Sizilien. "Die tödlichen Anschläge der 90er-Jahre auf die Richter Giovanni Falconi und Paolo Borsellino haben die Sizilianer endlich wachgerüttelt", sagt Regisseur Bellia zu ntv.de. Er ging damals noch zur Schule und kann sich noch lebhaft erinnern, wie die ganze Stadt auf die Straße ging und gegen die Mafiosi schrie. "Ich bin zwar nicht so naiv zu denken, dass es die Mafia nicht mehr gibt, die gibt es weiter, aber sie bewegt sich anders. Was sich geändert hat, ist jedoch die Mentalität der Sizilianer", sagt Bellia. Ein Beweis dafür sei auch die Zusammenarbeit der Prälaten für seinen Film und die Glückwünsche seitens des jetzigen Erzbischofs von Palermo, Corrado Lorefice.

Auch Don Panizza spricht von einem Mentalitätswandel. Stimmt aber indirekt auch dem Staatsanwalt von Vibo Valenzia zu, der unlängst in einem Interview beklagte, die Bürger würden noch immer viel zu wenig mafiöse Missstände melden.

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