Entscheidung im zweiten Wahlgang: Alle Daten zur Frankreich-Wahl

Entscheidung im zweiten Wahlgang: Alle Daten zur Frankreich-Wahl
Durch: Politik Erstellt am: Juli 07, 2024 anzeigen: 13

Tag der Entscheidung in Frankreich: Staatspräsident Macron erzwingt vorgezogene Parlamentswahlen. Wer bekommt nach dem zweiten Wahlgang in der französischen Volksvertretung die Mehrheit? Karten, Daten und Infografiken zur zweiten Wahlrunde.

Eine Woche nach dem ersten Wahlgang folgt Runde zwei der vorgezogenen Parlamentswahlen in Frankreich: In der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas zeichnet sich ein unerwarteter Wahlausgang ab. Die letzten Wahllokale schlossen um 20.00 Uhr, die Auszählung der Stimmen läuft.

Ersten Prognosen zufolge liegt das Linksbündnis "Nouveau Front Populaire" (NFP) im zweiten Wahlgang vorn. Anders als nach dem ersten Wahlgang erwartet, könnte die rechtsnationale "Rassemblement National" (RN) demnach nur auf dem dritten Platz hinter dem Mitte-Lager ("Ensemble") von Staatspräsident Emmanuel Macron landen, wie die Sender TF1 und France 2 berichteten.

Hinweis: Die Infografiken zum zweiten Wahlgang der Parlamentswahl 2024 werden laufend aktualisiert.

Noch ist die Lage unklar: Die französischen Sender stützen sich mit ihren Angaben auf Nachwahlbefragungen. Die Einschätzungen zu der mutmaßlich errungenen Anzahl an Parlamentssitzen werden dort zunächst nur in Spannen angegeben. Das Linksbündnis NFP könnte demnach 180 bis 215 Abgeordnete stellen. Le Pens RN könnte überraschend insgesamt nur 120 bis 150 Sitze in der französischen Nationalversammlung bekommen. Von einer "absoluten Mehrheit" sind Frankreichs Rechte damit weit entfernt.

Im ersten Wahlgang am 30. Juni hatte Marine Le Pens rechtsnationalistische Sammelbewegung "Rassemblement National" (RN) in vielen Wahlkreisen deutlich zugelegt, was Sorgen um einen massiven Rechtsruck in Frankreich ausgelöst hatte. Die RN-Partei und ihre Verbündeten erhielten am vergangenen Sonntag insgesamt 35,8 Prozent der Stimmen und waren damit zunächst stärkste Kraft. Auf die RN selbst entfielen 29,3 Prozent.

Das Linksbündnis "Nouveau Front Populaire" (NFP/UG) kam im ersten Wahlgang auf 27,99 Prozent. Das "Ensemble"-Lager der Mitte um Präsident Emmanuel Macron landete mit einem Stimmanteil von 20,04 Prozent nur auf Platz drei. Frankreichs Konservative um "Les Républicains"-Chef Éric Ciotti (LR) konnten im ersten Wahlgang 6,6 Prozent der Stimmen verbuchen.

Fest vergeben wurden in der ersten Runde am 30. Juni 2024 die Sitze in 76 der 577 Wahlkreise. Das Gros dieser Sitze entfiel dabei auf den RN (37 Sitze) und das Linksbündnis UG (32 Sitze). Die endgültige Sitzverteilung wird erst nach dem zweiten Wahlgang feststehen.

Wie viele Abgeordnete die jeweiligen Blöcke und Bündnisse in die französische Nationalversammlung entsenden können, entscheidet sich in der Masse der Wahlkreise erst in den Stichwahlen am heutigen Sonntag, 7. Juli.

Die meisten Kandidatinnen und Kandidaten in den 501 noch nicht entschiedenen Wahlkreisen stellt mit 386 der RN, obwohl sich vom Linksbündnis UG sogar 412 Bewerberinnen und Bewerber für Runde 2 qualifiziert hatten. Allerdings zog UG vor der zweiten Runde insgesamt 131 Kandidaturen zurück - aus wahltaktischen Gründen.

Die meisten Kandidatinnen und Kandidaten in den 501 noch nicht entschiedenen Wahlkreisen stellt mit 386 der RN, obwohl sich vom Linksbündnis UG sogar 412 Bewerberinnen und Bewerber für Runde 2 qualifiziert hatten. Allerdings zog UG vor der zweiten Runde insgesamt 131 Kandidaturen zurück - aus wahltaktischen Gründen.

Ziel ist, eine Zersplitterung der Stimmen im Anti-RN-Lager zu verhindern, indem möglichst nur ein Kandidat gegen den jeweiligen RN-Bewerber antritt. Bei Macrons "Ensemble"-Lager waren es 76 Rückzüge. Der RN zog hingegen lediglich drei Bewerberinnen zurück.

Insgesamt wurden in 89 der 501 noch offenen Wahlbezirke nach dem ersten Wahlgang Kandidatinnen und Kandidaten zurückgezogen. Dadurch kommt es in Runde zwei in 409 Wahlbezirken zu einem Duell zweier Kandidaten. In 89 Wahlbezirken treten drei Bewerberinnen gegeneinander an, in zwei Wahlbezirken sind es sogar vier.

In 222 Wahlbezirken geht der RN-Kandidat als Sieger der ersten Runde in die Entscheidungswahl. in 37 weiteren Wahlbezirken war eine Bewerberin der Union der extremen Rechten am stärksten. Das Linksbündnis UG war in Runde in 124 Wahlbezirken stärkste Kraft geworden, "Ensemble" in 60 Wahlbezirken

Hinweis: Diese Frankreich-Karte zeigt die Ergebnisse aus dem ersten Wahlgang mit allen Wahlkreisen, in denen der Gewinner bereits feststeht.

In den vorläufigen Ergebnissen des ersten Wahlgangs blieb die Sitzverteilung mit nur 76 fest vergebenen Sitzen noch weitgehend offen. Insgesamt waren rund 49 Millionen Wahlberechtigte dazu aufgerufen, ihre Stimme zur Neubesetzung der französischen Nationalversammlung abzugeben

Der Ruck nach rechts war in Frankreich jedoch schon nach dem ersten Wahlgang nicht zu übersehen: Die Wähler hätten ein "endgültiges Urteil gefällt", erklärte RN-Spitzenkandidat Jordan Bardella bereits am Wahlabend vom vergangenen Sonntag.

Die zweite Wahlrunde werde "eine der entscheidendsten in der gesamten Geschichte" der 1958 gegründeten Fünften Republik sein, sagte der Parteichef des Rassemblement National (RN) in Paris.

Der 28-jährige Bardella, der im Fall einer absoluten Mehrheit für seine Partei das Amt des Premierministers anstrebt, sagte, er wolle "der Premierminister aller Franzosen" sein. In Falle einer Kohabitation, in der Präsident und Premierminister aus unterschiedlichen Lagern kommen, wolle er ein Regierungschef sein, der die "Verfassung respektiert", aber "unnachgiebig" sei.

Der Vorsitzende von Frankreichs konservativer Partei "Les Républicains" (LR), Éric Ciotti, rief am Wahlabend alle Konservativen dazu auf, sich seinem viel kritisierten Schulterschluss mit dem Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen anzuschließen.

"Heute Abend ist der Sieg in Sicht", sagte Ciotti nach dem starken Abschneiden des RN und der Républicains-Kandidaten, die sich mit Ciotti für eine Unterstützung des RN entschieden hatten.

Hinweis: Diese Frankreich-Karte zeigt Ergebnisse des ersten Wahlgangs vom 30. Juni 2024.

"Die historische Union, die wir mit Jordan Bardella aufgebaut haben, hat langen Jahren der Unbeweglichkeit der Rechten ein Ende gesetzt", sagte Ciotti. "Dieses Ergebnis ist ein großer Erfolg. Die Franzosen haben mit ihren Stimmen ihren Wunsch nach Veränderung und Wechsel zum Ausdruck gebracht."

Unabgestimmt mit seiner Partei hatte Ciotti eine Kooperation mit Bardella und dem RN vereinbart, woraufhin führende Kräfte der Partei mehrere Anläufe starteten, um ihn aus der Partei zu werfen. Ein Gericht stoppte diesen Vorstoß zunächst. Die Mehrheit der Kandidaten der Republikaner trat bei der Parlamentswahl unabhängig von den Rechtsnationalen an. Ciotti und einzelne Anhänger wechselten vor der Wahl ins RN-Lager.

Die rechtsextreme Partei "Reconquête" (R!) mit Le Pens Nichte Marion Maréchal als Spitzenkandidatin zeigte sich ebenfalls offen für eine Koalition. Im ersten Wahlgang konnten sich die R!-Kandidaten aber laut Hochrechnung nur 0,75 Prozent der Stimmen sichern.

Die jüngsten Umfragen hatten bereits großflächige Verschiebungen angedeutet: Die kurzfristig angesetzten Neuwahlen hatten das politische Leben in Frankreich tief erschüttert. Staatspräsident Emmanuel Macron wollte mit dem überraschenden Schritt offenbar auf das schwache Ergebnis seiner Partei bei den Europwahlen reagieren. Nach der krachenden Niederlage seines Mitte-Lagers bei der Europawahl dürfte jetzt allerdings vor allem die französische Rechte kräftig an Einfluss gewinnen.

Die Herausforderungen Frankreichs erforderten Klarheit und die Franzosen verdienten Respekt, hatte Macron seine überraschende Entscheidung am Abend der Europawahl begründet. "Ich kann also am Ende dieses Tages nicht so tun, als ob nichts geschehen wäre", sagte er mit Blick auf die Ergebnisse der Europawahl und seine Entscheidung, Neuwahlen zur Nationalversammlung einzuleiten.

"Ich vertraue auf die Fähigkeit des französischen Wahlvolks, die beste Wahl für sich und für die künftigen Generationen zu treffen." Macrons "Renaissance"-Partei hatte bei der Europawahl am 9. Juni eine heftige Wahlschlappe erlitten. Als Teil des Mitte-Bündnisses "Besoin d'Europe" (BE) - bestehend aus Renaissance, den "Ensemble"-Parteien und der Union der Demokraten (UDI, "Union des démocrates et indépendants" - erreichte er mit BE nur 14,6 Prozent der Stimmen.

Frankreich in Blau: Europawahl 2024

Hinweis: Diese Frankreich-Karte zeigt Ergebnisse der Europawahl 2024.

Bei der Europawahl waren es damit für Macron nicht einmal halb so viele Stimmen wie die Rechtspopulisten vom RN, die am 9. Juni 31,5 Prozent einsammeln konnten. Hinter Macron lagen die französischen Sozialisten, die mit 13,8 Prozent knapp hinter dem Präsidentenlager landeten. In der überwiegenden Mehrheit der französischen Regionen konnten sich die Rechten den Wahlsieg sichern: Die Frankreich-Karte mit den Ergebnissen der Europawahl in den Regionen leuchtet tiefblau.

Bei der Wahl in Frankreich und den Überseegebieten gilt das französische Mehrheitswahlrecht, das generell größere Parteien begünstigt. Die im Ausland lebenden Wahlberechtigten können ihre Stimme auch online abgeben. Für sie hatte die Wahl bereits am Dienstag, 25. Juni begonnen. Auch in den französischen Überseegebieten war die Wahl bereits früher angelaufen.

Das französische Wahlrecht sieht keine Briefwahl vor. Wähler können jedoch eine Vollmacht ausstellen und eine Vertrauensperson für sich wählen lassen. Dafür müssen sie sich vorher auf einer beliebigen Polizeiwache ausweisen. Im Unterschied zu Deutschland gibt es in Frankreich bislang keine festen Koalitionen, sondern lediglich relativ lockere Wahlbündnisse. Mindestens 15 Abgeordnete sind nötig, um eine Fraktion zu bilden. Die Fraktionen entsprechen nicht unbedingt den vor der Wahl abgemachten Bündnissen.

Rückblick: Parlamentswahl 2022

Hinweis: Diese Infografik zeigt Ergebnisse der zurückliegenden Parlamentswahl 2022.

Bei der zurückliegenden Parlamentswahl 2022 war Macrons Partei Renaissance (RE, vormals "La République en Marche") wie bei der Europawahl unter dem Dach der Ensemble-Koalition ENS angetreten. Das Kürzel ENS steht für "Ensemble pour la majorité présidentielle" (etwa: Bündnis der Präsidentenmehrheit) und umfasste neben liberalen Parteien der Mitte auch Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien.

2022 lag Macrons zentralistisches Bündnis zumindest im ersten Wahlgang noch gleichauf mit der linken NUPES-Liste ("Nouvelle union populaire écologique et sociale", etwa: Neue ökologische und soziale Volksunion).

Das NUPES-Bündnis war für Macron damals ein ernst zu nehmender Herausforderer: Die sozial-ökologische Parteiengruppe konnte sich auf eine breite Basis stützen, in der neben der Sozialistischen Partei und der Kommunistischen Partei Frankreichs auch die französischen Grünen und die als linkspopulistisch geltende Partei "La France insoumise" (Unbeugsames Frankreich) vertreten waren.

Bei der Präsidentenwahl 2022 verpasste der damalige NUPES-Spitzenkandidat Jean-Luc Mélenchon den Einzug in die Stichwahl nur knapp. Im zweiten Wahlgang setzte sich Macron dann gegen die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen durch.

Zwei Jahre später sieht die Ausgangslage anders aus: Frankreichs Rechte spüren nach der Europawahl Aufwind. Le Pen begrüßte Anfang Juni Macrons Neuwahl-Ankündigung und sprach von einer "mutigen Entscheidung" und mit Blick auf die neue Offenheit der Konservativen vom "Verantwortungsbewusstsein" Ciottis.

In die Parlamentswahl wollen die Rechten aber unter der Führung des EU-Abgeordneten Jordan Bardella ziehen, der schon bei der EU-Wahl als Spitzenkandidat seiner Partei angetreten war. Bardella sei "unser Kandidat für Matignon", sagte RN-Parteivize Sébastien Chenu dem Radiosender RTL. Hôtel Matignon ist der Amtssitz des französischen Ministerpräsidenten in Paris.

Kommt es zur "Cohabitation" in Paris?

Sollte der RN sich tatsächlich eine Regierungsmehrheit sichern, könnte es erstmals seit 22 Jahren wieder zu einer "Cohabitation" in Frankreich kommen.

Der Begriff bezeichnet den Fall, dass der Präsident und die stärkste politische Fraktion im Parlament unterschiedlichen politischen Lagern angehören und der Präsident keine eigene Mehrheit hat. Das ist bislang dreimal eingetreten, zuletzt von 1997 bis 2002 mit dem konservativen Präsidenten Jacques Chirac und dem sozialistischen Premierminister Lionel Jospin.

Macrons erzwungener Blitzwahlkampf traf das Regierungslager hart. Das Mitte-Bündnis, das bei der erst zwei Jahre zurückliegenden Parlamentswahl 2022 die absolute Mehrheit verloren hatte, schaltete bereits am Morgen nach der Parlamentsauflösung in den Wahlkampfmodus. Außenminister Stéphane Séjourné, der zugleich Chef von Macrons Partei Renaissance ist, rief zur "Mobilisierung aller republikanischen Kräfte" auf. Sein Ministeramt plant er trotz der Organisation des Wahlkampfs weiterhin auszuüben.

Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire wies der bevorstehenden Wahl nach dem Erfolg der Rechtspopulisten bei der EU-Wahl eine historische Bedeutung zu. Es sei die Wahl, die die "schwersten Konsequenzen in der Geschichte der Fünften Republik haben wird". Der Urnengang werde darüber entschieden, "was in den kommenden Jahren und Jahrzehnten aus der französischen Nation wird".

Grün-linke "Volksfront" gegen Macron

Die linken Parteien in Frankreich traten bei der kurzfristig angesetzten Neuwahl als Bündnis an. Noch am Tag von Macrons Ankündigung einigten sich Linkspartei, Sozialisten, Kommunisten und Grüne grundsätzlich auf die Bildung einer gemeinsamen Bewegung namens "Front Populaire" (Volksfront).

Das eilig geschmiedete Bündnis einigte sich darauf, in den 577 Wahlkreisen jeweils nur einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen. "Wir wollen ein Programm des sozialen und ökologischen Umbruchs, um eine Alternative zu Emmanuel Macron aufzubauen und das rassistische Projekt der extremen Rechten zu bekämpfen."

577 Wahlkreise, 577 Sitze

Das französische Parlament setzt sich aus zwei Kammern zusammen: Dem Senat und der Nationalversammlung, wobei die angekündigten Neuwahlen nur die Nationalversammlung betreffen. Die Volksvertretung umfasst 577 Sitze. Gewählt wird in entsprechend vielen Wahlkreisen nach französischem Mehrheitswahlrecht in zwei Wahlgängen.

Kandidaten, die bereits im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit - also mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen erreichen, müssen nicht in die Stichwahl - sofern sie im ersten Wahlgang mehr als ein Viertel der Stimmen ihres Wahlkreises verbuchen können.

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In Wahlkreisen, in denen keiner der angetretenen Bewerber über diese Schwelle kommt, folgt eine Woche später der zweite Wahlgang: Hier treten jeweils die beiden Bestplatzierten aus der ersten Runde gegen all jene Wahlkreiskandidaten an, die im ersten Wahlgang mehr als ein Achtel der Stimmen erhielten.

In der Regel einigen sich die Parteien vor dem zweiten Wahlgang auf gemeinsame Kandidaten, sodass meist nicht mehr als drei Bewerber je Wahlkreis antreten. Das Mandat gewinnt, wer die meisten Stimmen bekommt. Die Neubesetzung der französischen Nationalversammlung steht damit aller Vorausscht nach erst am Abend des 7. Juli fest.

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