Israelhass in der Architektenszene – ETH-Mitarbeiter feiern den 7. Oktober und unterzeichnen offene Briefe von Hamas-Freunden

Israelhass in der Architektenszene – ETH-Mitarbeiter feiern den 7. Oktober und unterzeichnen offene Briefe von Hamas-Freunden
Durch: Feuilleton Erstellt am: März 19, 2024 anzeigen: 12

Nach der Hamas-Attacke vom 7. Oktober 2023 ist deutlich geworden: Das Architekturdepartement der ETH Zürich hat sich zu einem Hotspot für wissenschaftlich verbrämten Antisemitismus entwickelt.

«Radical chic»: Campus der ETH Hönggerberg, April 2020.

Alexandra Wey / Keystone

Die Hamas-Attacke auf Israel und die Gegenschläge der israelischen Armee haben in Teilen kultureller Milieus zu einseitigen Reaktionen geführt. Während sich die Empathie für die palästinensischen Opfer global verbreitete, wird auffallend wenig über das Leid der ermordeten und entführten Israeli und Ausländer gesprochen.

Stattdessen kursieren Begriffe wie «Apartheid», «Genozid» und «Siedlerkolonialismus», die meist auf eine Delegitimierung des Staates Israel zielen oder antisemitische Ressentiments wecken sollen. In der internationalen Architekturszene hat sich dieser ideologisierte Diskurs besonders stark verbreitet, und auch eine der wichtigsten Architekturhochschulen der Welt ist davon betroffen: die ETH Zürich.

Israel begeht ihrer Meinung nach Genozid – und Urbizid

Ausdruck dieser Entwicklung ist ein am 14. November 2023 publizierter internationaler Aufruf, der von einer Gruppierung namens Architects and Planners Against Apartheid lanciert wurde. Unter dem Titel «Call for immediate action» wird die Architekturszene dazu aufgerufen, gegen die Zerstörungen in Palästina und für die «akademische Freiheit» aufzustehen. Israel werden Genozid und «Urbizid» vorgeworfen – eine gezielte Auslöschung von Städten. Der Hamas-Terror dagegen wird mit keinem Wort erwähnt. Ebenso unerwähnt bleibt, dass die Hamas seit ihrer Machtergreifung im Gazastreifen im Jahr 2007 immer wieder Raketen auf Israel abgeschossen und die eigene Zivilbevölkerung als Schutzschild benutzt hat.

Mehr als 2000 Personen aus aller Welt haben diesen Aufruf unterschrieben, der in sozialen Netzwerken zu den meistgeteilten offenen Briefen im Bereich Architektur gehört. Auch 27 Personen mit ETH-Affiliation haben den Brief signiert. Das Architekturdepartement der ETH Zürich rangiert damit unter allen wichtigen Bildungsstätten weltweit auf einem Spitzenrang, was Israelhass angeht – gleich hinter der New Yorker Columbia University. Wie konnte es an der ETH so weit kommen?

Zwar wurden die meisten jüdischen Architektinnen und Architekten der zionistischen Bewegung im frühen 20. Jahrhundert nicht in Zürich, sondern in Deutschland und Österreich ausgebildet. Doch kommt der ETH das Verdienst zu, ihre Geschichte mit grosser Gründlichkeit wissenschaftlich aufgearbeitet zu haben. Diese Leistung ist vor allem der Architekturhistorikerin Ita Heinze-Greenberg zuzuschreiben, die ab 2012 an der Hochschule forschte, unter anderem als Professorin für die Architekturgeschichte der Moderne. Seit ihrem Weggang scheinen antiisraelische Kampfvokabeln zum «radical chic» des Hochschulalltags zu gehören.

Der 7. Oktober als Auftakt zur Befreiung

Diese Radikalität geht von einer kleinen, aber lautstarken Gruppe aus. Das war nicht zuletzt während einer Konferenz des Architekturdepartements im letzten Dezember zu sehen. Sie wurde begleitet von «Stop the Genocide»-Slogans, die auf digitalen Bildschirmen eingeblendet wurden. Auch die sonst verdienstreiche Parity Group, eine Diversity-Initiative der Architekturabteilung, bedient mit Online-Verlautbarungen ein radikales propalästinensisches Narrativ.

Ohne die Vergewaltigungen und die Femizide der Hamas anzusprechen, wirft sie der eigenen Hochschule auf Instagram vor, «bestimmte Stimmen» auf dem Campus zum Schweigen zu bringen. Dies, weil die ETH eine für den 12. Oktober 2023 geplante Demo auf dem Hochschulgelände untersagt hatte, die mit Slogans wie «Intifada bis zum Sieg» angekündigt wurde. Die Parity Group, deren Mitglieder anonym schreiben, werfen Israel zudem «anhaltende Apartheid» vor.

Offenbar glaubt man, mit dieser Anschuldigung einen Staat hinreichend beschreiben zu können, der dem arabisch-muslimischen Teil seiner Bevölkerung selbst unter der gegenwärtigen rechtsradikalen Regierung mehr Freiheiten bietet als jedes arabische Land. Mit entfacht wurde die antiisraelische Propaganda von Lehrenden der ETH, die im Mittelbau und zum Teil auf Professorenebene tätig sind.

So diffamiert ein Postdoctoral Fellow die kürzlich von Herzog & de Meuron vollendete israelische Nationalbibliothek in den sozialen Netzwerken als Bauwerk, das «auf Raub gebaut» sei. Die Verbrechen der Hamas feierte er in einem inzwischen gelöschten Post als Auftakt einer «offenen, befreiten Geografie». «Die Palästinenser», so schrieb er über dem Bild eines Hamas-Baggers vor einem zerstörten Grenzzaun, würden die «kolonialen Barrieren» niederreissen. In einem auf Youtube verfügbaren Video beklagt er sich zudem darüber, dass nur manche seiner ETH-Kollegen seine exterminatorischen Wünsche gegen Israel teilen.

«Ruhm den Kämpfern»

Andere Doktorandinnen, Doktoranden und Assistentinnen rufen auf Instagram zur «Intifada», also zum Aufstand gegen Israel, auf. Oder sie verbreiten Sätze wie «From the river to the sea» oder «Free Palestine from the zionist colonial project». Manche berufen sich auf die ultraorthodoxe wie antizionistische jüdische Splittergruppierung Neturei Karta, die in der Hamas einen Mitstreiter für ihr wirres, religiös motiviertes Anliegen einer Abschaffung Israels zu erblicken glaubt und 2006 auf Einladung von Mahmud Ahmadinejad an der Teheraner Holocaustleugnungskonferenz teilnahm.

Ein Doktorand hat im Rahmen eines ETH-Forschungsprojektes eine Online-Bibliothek aufgebaut, um «Wissen über Palästina und seinen Kampf gegen den Kolonialismus» besser zugänglich zu machen. Auf der Website, die bis 2023 eine ETH-URL hatte, finden sich Digitalisate arabischsprachiger Zeitschriften, darunter auch ein Cover, das einen heroisch gezeichneten Palästinenser mit Schusswaffe und Handgranate zeigt. Darunter steht auf Arabisch: «Ruhm den Kämpfern, welche die Panzer der faschistischen Einheiten vernichtet haben.» Unter dem Bild ist das Logo der Volksfront zur Befreiung Palästinas zu sehen, die von der EU als Terrororganisation eingestuft wird.

Auch professorale Mitglieder des Architekturdepartements tun sich mit der Existenz Israels schwer. Namentlich die aus Algerien stammende Architekturtheoretikerin Samia Henni und der niederländische Architekt Anne Holtrop. Beide haben den eingangs erwähnten Aufruf «for immediate action» unterzeichnet.

Loblied auf Yasir Arafat

Samia Henni, die derzeit eine Gastprofessur an der ETH innehat, legte 2017 ein Buch vor mit dem Titel «Architecture of Counterrevolution. The French Army in Northern Algeria», das aus ihrer gleichnamigen ETH-Dissertation hervorging. Darin verwischt sie die beträchtlichen Unterschiede zwischen nationalsozialistischen Konzentrationslagern und französischen «camps de regroupement».

Die parallel zur algerischen Unabhängigkeitsbewegung und zur Gründung Israels betriebene Vertreibung von 900 000 Jüdinnen und Juden im islamisch geprägten Raum würdigt sie dagegen keines Wortes. Arabische Juden, die seit 2000 Jahren, also lange vor Entstehung des Islam, auf nordafrikanischem Territorium siedelten, werden bei Henni sogar nachträglich ausgebürgert, indem sie kategorisch zwischen «Juden» und «Algeriern» unterscheidet.

Hennis Verdrängung des arabischen Antisemitismus ist typisch für postkolonial motivierte Forschungen mit Anti-Israel-Schlagseite. Sie stellt die ideologische Grundlage für die falsche Lesart von Israeli als «weissen Siedlern» dar. Das Buch endet mit einer Lobrede auf den ehemaligen PLO-Vorsitzenden Yasir Arafat, den Henni auf eine Stufe mit Nelson Mandela stellt.

Im Jahr 2020, als Henni noch als Assistenzprofessorin an der amerikanischen Cornell University beschäftigt war, fiel sie mit einseitigen Veranstaltungen auf, die Proteste auslösten. Ihr Gast Ariella Aïsha Azoulay etwa, eine radikale jüdische Antizionistin, hielt einen Online-Vortrag, bei dem sie das berühmte Foto von David Ben-Gurion bei der Ausrufung des Staates Israel 1948 zeigte. Dabei schwärzte sie allerdings alle Personen – inklusive eines Porträts von Theodor Herzl, das über der Szene hängt. Auch die israelische Flagge und weitere Fotos von Zionisten aus den 1930er und 1940er Jahren schwärzte sie. Ihre Begründung: «Ich ertrage es nicht, sie anzuschauen.»

Ein Cornell-Mitarbeiter unterbrach die Session mit dem Argument, dass das angesprochene Thema «heikel» sei und «mehrere Sichtweisen» provozieren würde, die man in künftigen Veranstaltungen ebenfalls berücksichtigen wollte. Darauf erhob sich ein Sturm der Entrüstung in der rücksichtslosen, bei Kritik an ihren Positionen aber höchst empfindlich reagierenden Israelhasser-Community. Über tausend Empörte riefen in einem offenen Brief zu Hennis und Azoulays Verteidigung auf, unter ihnen viele ETH-Vertreter.

Der offene Brief des Hamas-Unterstützers

Organisiert wurde der Brief vom Pariser Architekturmagazin «The Funambulist», das vom Hamas-Unterstützer Léopold Lambert herausgeben wird. Jüngst fiel die ETH-Gastprofessorin Samia Henni damit auf, dass sie öffentlich von einer «zionistischen Killermaschine» sprach – und den Aufruf zum Boykott des israelischen Pavillons auf der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig unterzeichnete, zusammen mit Anne Holtrop.

Die Pressestelle der ETH verweist auf eine Stellungnahme, in der sie die Angriffe der Hamas verurteilt. «Aufrufe zu Gewalt oder Diskriminierung jeglicher Form», so heisst es darin, widersprächen «unseren Werten und werden innerhalb unserer Community und auf unserem Campus nicht geduldet.»

Zu den erwähnten Äusserungen von ETH-Mitarbeitern hält die ETH fest, bisher seien bei ihren Meldestellen «keine Meldungen über Fälle von antisemitischem Verhalten» eingegangen. «Hat die Hochschule Kenntnis von Fällen, in denen die Werte und Grundsätze der ETH Zürich tangiert sein könnten, sucht sie umgehend das Gespräch mit den Beteiligten.» Allerdings werde man immer den «Kontext» der Aussagen berücksichtigen.

Stephan Trüby ist Architekturtheoretiker. Nach Zwischenstationen an der Zürcher Hochschule der Künste, der Harvard University und der TU München leitet er seit 2018 das Institut für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen der Universität Stuttgart.

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