Nächste Wendung im Fall Benfares: Drama um deutsches Lauftalent erreicht neuen Tiefpunkt

Nächste Wendung im Fall Benfares: Drama um deutsches Lauftalent erreicht neuen Tiefpunkt
Durch: Sport Erstellt am: März 19, 2024 anzeigen: 18

Sara Benfares beendet ihre vielversprechende Leichtathletik-Karriere. Die deutsche Lauf-Hoffnung ist jüngst positiv auf mehrere Dopingmittel getestet worden, die sie angeblich wegen einer Krebsdiagnose eingenommen hat. Der Fall wirft deutlich mehr Fragen auf, als er Antworten liefert.

Als wäre der Fall Sara Benfares nicht schon verworren genug. Auf die Veröffentlichung des positiven Dopingtests folgte die Verteidigungsrede ihres Vaters und Trainers Samir Benfares, die 22-Jährige habe Testosteron und EPO nur eingenommen, um eine Knochenkrebs-Erkrankung zu behandeln. Ihm zufolge sei bloß die für die Einnahme eigentlich verbotener Mittel notwendige Ausnahmegenehmigung vergessen worden, angesichts eben jener dramatischen Diagnose. Diversen Medienberichten nach folgten daraufhin mehrere Besuche bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA), um den Sachverhalt aufzuklären, offenbar jedoch ohne Erfolg, zumindest drang darüber nichts nach außen.

Videos in einem Instagram-Post von Ende Januar zeigten Sara Benfares mühsam an Krücken gehend, dazu hieß es im Text auf Englisch: "Dies ist nun mein tägliches Leben seit mehr als einem Jahr. Ich bin es leid, meine Behandlung vor den Behörden zu rechtfertigen."

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), für den Benfares der WM 2022 in Eugene und der Heim-EM 2022 in München antrat und den sie bei den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris repräsentieren wollte, verwies nach Bekanntwerden der Vorwürfe umgehend an eben jene NADA, die für die Verfahren verantwortlich ist. "Wir sind sehr betroffen", sagte DLV -Sportdirektor Bügner Anfang März, der Verband stehe ein für den Kampf gegen Doping, für einen "sauberen und fairen Sport". Der Fall habe im kriselnden Verband "eingeschlagen wie eine Bombe".

Neuer Anwalt mit Verbindungen zu Rechtsextremen

Kurz zuvor war auch ein positiver Dopingtest bei Sara Benfares' jüngerer Schwester Sofia öffentlich geworden. Auch bei der 19-Jährigen, im vergangenen Jahr Dritte der U20-EM über 3000 Meter, wurde das Blutdopingmittel EPO entdeckt. Der LC Rehlingen, Verein der Benfares-Schwestern, schloss die Läuferinnen daraufhin aus. All diese Vorgänge haben zahlreiche Fragen aufgeworfen, auf die wenigsten gibt es bislang Antworten.

Für Klarheit versucht nun der neue Anwalt von Sara Benfares zu sorgen: Dubravko Mandic. "Aufgrund der Erkrankung, die offensichtlich mittelfristig nicht kuriert werden kann", beendet die 22-Jährige demnach mit sofortiger Wirkung ihre einst hoffnungsvolle Karriere, sagte Mandic laut "Saarbrücker Zeitung", die den Fall eng begleitet. Zunächst war Benfares von Rainer Cherkeh vertreten worden, einem renommierten Sportrechtler aus Niedersachsen, im dortigen Leichtathletik-Landesverband ist er zudem Vizepräsident Recht. Warum der Rechtsbeistand gewechselt wurde, ist nicht bekannt.

Nun ist an Cherkehs Stelle offenbar Mandic beauftragt worden, Ordnung in das Chaos zu bringen. Zumindest teilweise: Die ebenfalls unter Dopingverdacht stehende Sofia vertrete er nicht, erklärte Mandic, der medial in den vergangenen Jahren immer wieder für Aufsehen gesorgt hat. Neben Benfares vertritt er aktuell laut "Badischer Zeitung" auch den österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner, gegen den die Stadt Potsdam laut "Süddeutscher Zeitung" ein Einreiseverbot nach Deutschland verhängt hat. Sellner, langjähriger Kopf der Identitären Bewegung Österreichs, war laut "Correctiv"-Recherchen einer der Redner beim Geheimtreffen Rechtsextremer in Potsdam im November vergangenen Jahres.

Noch keine "plausible Erklärung" für "diffuse Erkrankung"

Mandic indes saß für die rechtspopulistische AfD im Freiburger Stadtrat, nachdem er zuvor erfolglos für den Bundestag kandidiert hatte. Im baden-württembergischen Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2021 wird Mandic erwähnt, weil er sich unter anderem in einer Rede auf rechtsextremistische Verschwörungserzählungen bezogen habe. Zwar trat der 43-Jährige im April 2021 aus der AfD aus, "distanzierte sich jedoch inhaltlich nicht von Positionen des 'Flügels'", heißt es in dem Bericht. Den formell aufgelösten "Flügel" um Björn Höcke stufte das Bundesamt für Verfassungsschutz 2020 als "gesichert rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung" ein.

Mandic wurde außerdem mehrfach verurteilt, unter anderem 2020 wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer siebenmonatigen Haftstrafe auf Bewährung. Der "Badischen Zeitung" zufolge ist Mandic auch nach seinem Parteiaustritt weiter "selbst in der rechten Szene aktiv", das Blatt nennt ihn "Rechts-Anwalt". In einer Rede im Oktober 2021 sagte er laut Verfassungsschutzbericht, auch ohne Parteimitgliedschaft in seinem Beruf als Rechtsanwalt könne er "der Bewegung nützlich sein". Über vergangene Mandate von Mandic in Sportrechtsfragen ist nichts bekannt, auf seiner Webseite schreibt er von einer "besonderen Expertise unter anderem in [...] Doping-Strafrecht."

"Herr Benfares war insgesamt mit der Erkrankung seiner Tochter und der medial thematisierten Dopingkontrolle überfordert", sagte Mandic der "Saarbrücker Zeitung", und führte aus: "Was er genau geäußert hat, wurde in der Familie noch nicht aufgearbeitet. Frau Benfares leidet an einer diffusen Knochenerkrankung, für die weder die Ärzte noch ihr Vater eine plausible Erklärung hatten." Eine Knochenkrebs-Erkrankung könne aktuell nicht ausgeschlossen werden. Aktuell sei Sara Benfares bei einem französischen Arzt in Behandlung.

Wettkämpfe angeblich kein Thema - trotz Start in der Schweiz?

Vater und Trainer Samir Benfares war selbst einst Weltklasse-Leichtathlet, er stand für Frankreich unter anderem bei der WM 1995 im Halbfinale über 1500 Meter. Dieser Umstand hatte schon kurz nach Bekanntwerden der positiven Dopingprobe für Verwunderung gesorgt - nämlich dahingehend, ob ein Mann mit so viel Spitzensport-Erfahrung nicht um die Abläufe wissen müsste: Wie die Einnahme eigentlich verbotener Mittel bei medizinischer Notwendigkeit und mithilfe einer Ausnahmegenehmigung möglich ist, welche Stellen dabei zu informieren sind und welche Vorgaben einzuhalten. Zumal dem 55-Jährigen in Laufkreisen der Ruf vorauseilt, stets die Kontrolle behalten zu wollen.

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Anwalt Mandic indes sieht überhaupt keinen Dopingfall, wie er der "Saarbrücker Zeitung" sagte: "Meine Mandantin hatte nicht die Absicht, an Wettkämpfen teilzunehmen. Sie wollte wieder gesund werden." Fragen wirft dabei allerdings auf, dass die 22-Jährige in der Zeit rund um die angebliche Diagnose auch Trainingsläufe postete und Anfang Dezember bei einem Wettkampf in der Schweiz über 7,3 Kilometer an den Start ging. Ins Ziel kam sie dort nur gut eine Minute nach der Marathon-Weltmeisterin von 2022 und WM-Zweiten von 2023. Die Trainingsbilder seien eine Inszenierung für den Ausrüster gewesen, den Lauf in der Schweiz habe sie mit ihrem "natürlichen Talent" bestritten, so Samir Benfares.

Wie das mit der mutmaßlich niederschmetternden Diagnose und der daraus folgenden Behandlung in Einklang zu bringen ist, ist nur eines der zahlreichen Rätsel im Fall Benfares. Carolin Knebel, Oberärztin für Tumororthopädie an Klinikum Rechts der Isar in München, sagte der "Süddeutschen Zeitung" Anfang Februar, nach einer Knochenkrebs-Diagnose folge üblicherweise eine mehrmonatige Chemotherapie, dann eine Operation und dann eine weitere Operation: "Da ist jeder froh, wenn er währenddessen unfallfrei aufs Klo kommt." Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel wurde mit den Worten zitiert, ihm falle es sehr schwer, die angeblich versäumte Ausnahmegenehmigung "mit der Aufregung oder ähnlichem zu erklären". Erklärungen sind in diesem Sachverhalt bislang jedoch ohnehin Mangelware.

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