Nachfolge in der Kunstgeschichte Afrikas: FU-Studierende wollen Professor of Color

Die Professur für die Kunst Afrikas an der Freien Universität Berlin wird neu besetzt: Die Berufungskommission hat getagt, jetzt entscheidet der übergeordnete Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften. Diesen hat jetzt ein „Studentischer Arbeitskreis für antirassistische und antikoloniale Kunstgeschichte“ gemeinsam mit der Studierendenvertretung der FU aufgefordert, zugunsten einer der beiden schwarzen Bewerber:innen im Rennen um die Besetzung zu entscheiden: der Nigerianerin Peju Layiwola oder des Kubaners Barbaro Martinez-Ruiz. Es geht um die Nachfolge für den Kunsthistoriker Tobias Wendl.

Deutlich sprechen sich die Verfasser:innen des offenen Briefs gegen die dritte Kandidatin, die Deutsche Kerstin Silja Pinther, aus. Ihre Ablehnung begründen die Studierenden damit, dass Pinther „trotz einiger Forschungsaufenthalte auf dem afrikanischen Kontinent in der Tradition des europäischen und eurozentristischen ,Besprechens’ und ,Beforschens’ des afrikanischen Kontinents“ stehe.

Wer zur Wahl steht

Zu jenem haben die Favoriten der Studierendengruppe einen biografischen Bezug. Peju Layiwola ist Künstlerin und Professorin an der University of Lagos in Nigeria mit einem Schwerpunkt auf Skulptur und Objektkunst und setzt sich öffentlich für die Rückgabe von Beutekunst an die ehemaligen europäischen Kolonien ein, unter anderem im Fall der Benin-Bronzen.

Ethnologische Sammlungen unter dem christlichen Kreuz: Am Humboldt-Forum kritisieren manche, das Symbol der Kolonialgeschichte sei ausgerechnet dort prominent, wo unter anderem afrikanische Raubkunst ausgestellt wird.
Ethnologische Sammlungen unter dem christlichen Kreuz: Am Humboldt-Forum kritisieren manche, das Symbol der Kolonialgeschichte sei ausgerechnet dort prominent, wo unter anderem afrikanische Raubkunst ausgestellt wird.
© imago images/Volker Hohlfeld

Der Afro-Kubaner Barbaro Martinez-Ruiz lehrt als Professor an der Indiana University in den USA, ist als Kurator tätig und mit der Museumsethnologie der Oxford University assoziiert. Sein Fokus liegt auf Kunst der Karibik, des Kongos und Angolas.

Die Kunsthistorikerin Kerstin Pinther war von 2014 bis 2018 an der Ludwigs-Maximilian-Universität in München und zuletzt als Kuratorin am Humboldt Forum tätig und lehrte zuvor bereits als Juniorprofessorin an der FU. In der Restitutionsdebatte um die Benin-Bronzen hat Pinther die nigerianische Position unterstützt.

Der Fachbereichsrat kann Einfluss nehmen

Können die Studierenden mit ihrem Appell Einfluss nehmen? Ob die geheime Empfehlung der aus externen Expert:innen bestehenden Berufungskommission angenommen wird, entscheidet sich im Fachbereichsrat der FU. Dieser besteht aus Hochschullehrer:innen der Geschichts- und Kulturwissenschaften, die sich für das Amt gemeldet haben.

Laut Berufungsordnung der FU hat der Fachbereichsrat das Recht, auch gegen die Empfehlung der Kommission zu stimmen, sofern dies fachwissenschaftlich begründet ist. Er könnte dann die Platzierung der Kandidaten verändern oder die Kommission anweisen, erneut zu beraten. Hierauf hoffen die Studierenden offenbar, sollte die Berufungskommission für Pinther votiert haben. Wann die Entscheidung des Fachbereichs fällt, wollte das Institut mit Verweis auf das laufende Verfahren auf Anfrage des Tagesspiegels nicht bekannt geben.

Der Brief des studentischen Arbeitskreises richtet Aufmerksamkeit auf den Unmut all jener Kunstgeschichtsstudierenden, die einen dekolonialen Ansatz im Bereich Afrika-Kunst vermissen. Bislang seien im Lehrkanon zu afrikanischer Kunst Wissenschaftler:innen des Kontinents selbst oder solche mit „afro-diasporischem Hintergrund“ deutlich unterrepräsentiert, kritisieren sie. Auch würden „post- oder dekoloniale Forschungsansätze“ zu wenig berücksichtigt oder gar „abgewertet“.

In einer Lehrveranstaltung sei der Einsatz von Kunsthistoriker:innen für die Rückgabe von Raubkunst als „postkolonialer Populismus“ bezeichnet worden, heißt es in der Darstellung des Arbeitskreises. Der offene Brief ist außer an die Uni- und Institutsleitung auch an die Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote (Grüne) und die Senatorin für Justiz und Antidiskriminierung Lena Kreck (Linke) adressiert.

Die Studierenden begründen ihre Aktion auch damit, Kritik und Veränderungsanstöße seien in der Vergangenheit von der Institutsleitung nicht gehört worden. Das Kunsthistorische Institut wollte zu alldem auf Anfrage keine Stellung nehmen. Man sehe davon grundsätzlich ab, weil die FU in der Regel nicht auf anonym verfasste Vorwürfe reagiere, hieß es.

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