Nachholbedarf für digitale Schule : „Eine klare pädagogische Vision als Kompass“

Nach zweieinhalb Jahren Schule in Zeiten der Corona-Pandemie ist nicht nur für Bildungsforschende klar, dass die bekannten Probleme der Schulen weiterhin nicht gelöst sind. Lehrkräftemangel, Inklusion, Chancengerechtigkeit oder nicht erreichte Mindeststandards bei den Kompetenzen von Schüler:innen stehen weiter auf der Agenda. Eine zentrale Frage bleibt dabei auch, wie die Schulen zur Digitalisierung befähigt werden können.

Im Rahmen der wissenschaftlichen Konferenz Bildung Digitalisierung (KonfBD22) hat das Forum Bildung Digitalisierung in dieser Woche fünf Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung veröffentlicht. Im Fokus stehen dabei die Vermittlung von Kompetenzen, um die Schüler:innen für das Lernen in der Digitalisierung vorzubereiten.

Dafür sollten alle Akteure in den Schulen ein gemeinsames Verständnis entwickeln, wie Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter gestaltet werden kann. Zweiter wichtiger Punkt ist laut einem Impuls-Papier die Lehrerbildung. Hier sollten die Hochschulen und Institute den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse über den lernfördernden Einfluss digitaler Medien in die Praxis sicherstellen. Dazu solle eine nachhaltige Professionalisierungsstruktur entwickelt werden.

An der Heinz-Galinski-Grundschule in Berlin-Charlottenburg arbeiten Schüler mit PC’s.
An der Heinz-Galinski-Grundschule in Berlin-Charlottenburg arbeiten Schüler mit PC’s.
© Foto: TSP / Kitty Kleist-Heinrich

Des weiteren wird empfohlen, die Rolle der Schulleitungen in der digitalen Transformation zu stärken und auszubauen, den einzelnen Schulen mehr Autonomie zu geben und auf länderübergreifende Kooperationen zu setzen, um Insellösungen zu vermeiden.

Bereits im vergangenen Jahr hatte das Forum einen weitreichenden Kulturwandel zur digitalen Transformation des deutschen Schulsystems gefordert, was aber voraussetze, dass alle Beteiligten mitziehen. Die Digitalisierung der Schulen kommt in Deutschland trotz des Digitalpakts Schule nur langsam voran. Nach wie vor verharren vielerorts Schulen im analogen Zeitalter, während Länder wie Dänemark zeigen, wie Begeisterung für die digitale Schule aussieht. 

Es gehe nicht nur um neue Geräte, sondern auch darum, wie sie im Unterricht einsetzt werden, so das Forum. Wobei digitales Lernen mit den anderen Lernformaten gemischt werden soll. So könnten beispielsweise einige Schüler im Klassenraum arbeiten, während andere gleichzeitig außerhalb der Schule zum gleichen Thema recherchieren, während alle digital miteinander verbunden sind. Der Unterricht müsse von der reinen Stoffvermittlung wegkommen, hin zu einem „kompetenzorientierten Unterricht“.

Digitalisierung ist kein Allheilmittel

„Schulen brauchen Freiräume und verlässliche Rahmenbedingungen, um die digitale Transformation zu gestalten“, sagte Jacob Chammon, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung. Die Digitalisierung sei zwar kein Allheilmittel für die vielgestaltigen Herausforderungen im Bildungsbereich: „Aber digitale Potenziale können genutzt werden, um das System Schule auf eine digital und von zunehmenden Unsicherheiten und Krisen geprägte Welt auszurichten.“ Dafür brauche es Strategien und Lösungen, die sich an den Bedarfen der Schulen orientieren.

Wir müssen den Schulen mehr Verantwortung übertragen, damit sie Handlungsspielräume für Transformationsprozesse gemeinsam mit den beteiligten Akteuren vor Ort ausschöpfen können.

Jacob Chammon, Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung

„Die Bildungspolitik muss die Rahmenbedingungen für Schulen so gestalten, dass sie technisch, rechtlich, finanziell und administrativ verlässlich sind“, so Chammon. Die Erfahrungen in der Corona-Pandemie hätten gezeigt, dass Schulen die digitale Transformation immer dann erfolgreich gestalten, wenn sie „eine klare pädagogische Vision als Kompass“ haben.

„Wir müssen den Schulen mehr Verantwortung übertragen, damit sie Handlungsspielräume für Transformationsprozesse gemeinsam mit den beteiligten Akteuren vor Ort ausschöpfen können“, sagte der ehemalige Schulleiter Chammon, der auch didaktische Fachliteratur und Unterrichtsmaterialien veröffentlicht hat.

Zum jetzigen Zeitpunkt gehe es darum, mit der Digitalisierung in die Breite zu kommen, erklärte Chammon. So dürften nicht nur die Schulen gefördert werden, die sich bereits auf den Weg der Digitalisierung gemacht haben.

 40.000

unterschiedliche Schulen müssen auf dem Weg der Digitalisierung mitgenommen werden. 

„Die Transformation ist ein dauerhafter Prozess, bei dem es keine keine einzelne Lösungen gibt: Es gibt über 40.000 unterschiedliche Schulen, die alle mitgenommen werden müssen“, so  Chammon, der Schulleiter der Deutsch Skandinavischen Gemeinschaftsschule Berlin war. Auch dürfe die Politik nicht nicht nur in Legislaturperioden denken und nach jeder Wahl alles wieder umwerfen: „Wir brauchen eine große Bildungskoalition und eine geteilte Vision, wo wir hin wollen.“

Die Professorin für digitale Bildung an der Universität Potsdam, Katharina Scheiter, bemängelte im Rahmen der Konferenz, dass in der Praxis gerade im fachlichen Lernen noch deutlicher Nachholbedarf in Sachen guter digitaler Bildung und den Lernumgebungen dazu bestehe. „Es mangelt immer noch an der flächendeckender Professionalisierung der Lehrkräfte.“

Auf dem Gebiet der Fort- und Weiterbildung passiere mittlerweile zwar viel. Der Prozess sei aber in unsystematisch: „Wir haben einen Flickenteppich im Land, das muss organisiert werden.“

Im Vordergrund steht für die Bildungsforscherin die Frage, wie guter digitaler Unterricht, der Kompetenzen aufbaut, zu gestalten ist. Zuerst gehe es dabei um die Qualität des Unterrichts, dann kommen die digitalen Medien zur Unterstützung dazu.

Voraussetzung dafür sei die Professionalisierung von Lehrkräften, das müsse in der Fort- und Weitebildung ankommen. Katharina Scheiter sieht auch eine Lücke zwischen den Erkenntnissen der Wissenschaft und dem Handeln der Praxis. Hier müsse es zu einer Zusammenarbeit kommen, um die Praxis voranzubringen und die Wissenschaft zu stimulieren.

Die Professionalisierung der Lehrkräfte alleine reiche aber nicht aus, wenn die Schulen nicht auf den Innovationsprozess eingestimmt sind. „Wir müssen die Schulleitungen qualifizieren und ihnen Werkzeuge an die Hand geben, mit denen der Innovationsprozess gestaltet werden kann“, so Scheiter. Die Lehrkräften müssten zudem Freiräume erhalten, um die Dinge zu erproben.

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