Route du Rhum : Thomas Ruyant gewinnt Transatlantikrennen

Wenn man glaubt, es geschafft zu haben, wird es noch mal schwierig. Die Ziellinie im karibischen Guadeloupe wird nämlich nicht vom offenen Atlantik aus angesteuert, was logisch wäre bei einem Rennen, das von Frankreich aus über diesen Atlantik führt, sondern gibt sich erst nach einer Umrundung der Insel zu erkennen. So birgt das allerletzte Teilstück nach 3500 Meilen manche Tücke, die denen, die sich schon als sichere Sieger glaubten am Ende mitunter den Triumph, zumindest aber Nerven gekostet hat.

36 Stunden ohne Schlaf

Auch Thomas Ruyant sah in der Nacht zu Montag den Abstand rapide kleiner werden, den er sich auf seinen Verfolger Charlie Dalin erkämpft hatte. Denn nun lag er im Windschatten Guadeloups fest. Die kräftigen Passatwinde, die eben noch für eine Rekordfahrt gesorgt hatten, wurden von den Bergen der grünen Insel abgeschirmt. Was im Kopf des 41-Jährigen Nordfranzosen vor sich ging, kann man sich einerseits denken, andererseits nicht, da Ruyants zähe Erscheinung selten Einblick in ihr Inneres gewährt.

Mehr gewollt, mehr gegeben. Thomas Ruyant an Bord seiner „LinkedOut“.
Mehr gewollt, mehr gegeben. Thomas Ruyant an Bord seiner „LinkedOut“.
© AFP

Dennoch brach danach die Freude ungewöhnlich heftig aus dem kleinen, drahtigen Mann heraus, als er das Ziel in der Rekordzeit von unter zwölf Tagen erreichte, ohne dass sein Kontrahent Dalin ihn noch einmal durch ein geschicktes Manöver hätte auskontern können. Er machte keinen Hehl daraus, wie viel ihm das bedeutete. „Ich habe schon Rennen gewonnen, aber dieses ist besonders“, sagte er vollkommen entkräftet und nach 36 schlaflosen Stunden auch mental ausgelaugt.

Gewonnen hat er, weil er sich mehr abverlangte als sein Widersacher. „Ich holte Charlie [Dalin] ein, weil ich es wirklich wollte“, erklärte er wartenden Journalisten am Ponton. „Charlie trieb sein Boot hart voran, aber ich ging härter zur Sache. Noch nie war ich nach einem Rennen so müde. Ich bin wackelig auf den Beinen, weil ich nur ans Weiterkommen dachte.“

Lange führte Charlie Dalin das Feld mit seiner „Apivia“ (Foto) an. Erst am achten Tag gelang es Thomas Ruyant, ihn auszumanövrieren.
Lange führte Charlie Dalin das Feld mit seiner „Apivia“ (Foto) an. Erst am achten Tag gelang es Thomas Ruyant, ihn auszumanövrieren.
© AFP

Dalin hatte das Feld von 38 Imoca-Yachten souverän angeführt, als es am 9. November von St. Malo aus in einem milden Wetterfenster aufbrach. Der Start hatte wegen eines Sturms um drei Tage verschoben werden müssen, weshalb diesmal nicht ganz so viele Schaulustige auf den Klippen standen, um die Flotte von dannen ziehen zu sehen. Darunter auch Boris Herrmann bei seinem ersten Solorennen auf der nagelneuen „Malizia – Seaexplorer“.

In den stürmischen Tagen, die die erste Hälfte prägten, erarbeitete sich Dalin einen Vorsprung von 90 Meilen auf seine Verfolger, zu denen von Anfang an auch Ruyant zählte. Es sah so aus, als würde der Dominator Dalin seine Siegesserie seit dem Vendée Globe unbedrängt fortsetzen.

Seinem berüchtigten Ruf gerecht geworden

Weit hinter ihm ereigneten sich Dramen. So kollidierte Damien Seguin mit einem Frachter, was ihm den Mast kostete. Louis Burton verlor seinen Mast ebenfalls, ohne einen plausiblen Grund dafür nennen zu können. Schließlich fing Fabrice Amedeos Yacht nach einem Wassereinbruch Feuer. Obwohl er sowohl den Kabelbrand zunächst stoppen als auch das Boot wieder trocken legen konnte, kam es plötzlich zu einer unerklärlichen Explosion an Bord. Sie ließ ihm kaum Zeit, sich in eine Seenotinsel zu retten, bevor die „Nexans – Art et Fenetres“ vor seinen Augen sank. Auch in anderen der sechs Wertungsklassen mussten Segler mit technischen Schäden oder verletzt aufgeben.

Segler Boris Hermann und seine neue Yacht Erst Hamburg, dann die ganze Welt Boris Herrmann über das Vendée Globe „Ich habe Lust, es nochmal zu machen“ Boris Herrmann und die Prüfung seines Lebens 27.000 Meilen, allein, nonstop, auf einem Segelboot

Damit hatte das Rennen seine Gefährlichkeit unter Beweis gestellt, die vor allem die erste Etappe bis zu dem Punkt prägt, da sich der Einfluss des Azoren-Hochs bemerkbar macht. Es versperrte wie eine Barriere den Weg nach Süden, so dass auf die stürmische erste Woche eine Phase folgte, in der die Teilnehmer mit Flauten zu kämpfen hatten. An einem dieser Tage verlor Boris Herrmann den Anschluss.

Neu gegen alt.

Der 41-jährige Deutsche, der vor sechs Jahren gemeinsam mit Thomas Ruyant das Transat Jaques Vabres bestritten hatte und fünfter geworden war, war das Rennen mit der Devise angegangen, bloß keinen Schaden zu verursachen, um die Vorbereitungen auf das im Januar startende Ocean Race nicht zu gefährden. Entsprechend vorsichtig agierte er. Einen Schrecken bekam er einmal, als sich eines seiner vorderen Arbeitssegel aus der Verankerung an Decke löste. Hätte er nicht für diesen Fall einen Sicherungsdraht als Vorstag installiert, was unüblich ist, wäre der Mast wohl auch bei ihm gebrochen.

© Team Malizia / RdR 2022

Außerdem plagten den Hamburger die alten Bekannten: Schlafmangel und Einsamkeit. Erst mit dem weniger werdenden Wind schaffte er es, Kraft zu schöpfen und Gefallen der Sache zu finden. Doch binnen Stunden vergrößerte sich sein Rückstand auf den Spitzenreiter von 160 auf 400 Meilen. Und als der Deutsche dann auch noch einen technischen Defekt an einem seiner Foils entdeckte, war er „nicht mehr im Rennmodus“ unterwegs. Die neue Malizia fiel sogar weit hinter die alte Malizia zurück, die unter dem Namen „Fortinet – Best Western“ von Romain Attanasio auf den 13. Rang gesteuert wurde.

Derweil entspann sich an der Spitze das packende Duell zwischen Ruyant und Dalin. Mit den einsetzenden Passatwinden an der Südseite des Azorenhochkeils versuchten beide, die Regenböen zu ihrem jeweiligen Vorteil auszunutzen. In einem wilden Zickzack scheuchten sie einandervüber den Atlantik, gefolgt vom Dritten im Bunde, Jérémie Beyou. Am achten Tag setzte sich Ruyant schließlich vor Dalin. Doch betrug der Abstand bis zum Ziel nie mehr als 30 Meilen.

„Ich mache kein Geheimnis daraus“, hatte Thomas Ruyant vor dem Rennen gesagt, „ dass ich nur hier bin, um zu gewinnen. Das ist alles, was mich interessiert.“

Seit kurzem in Betrieb und schon rasend schnell

Obwohl Ruyant zu den besten Hochseeseglern seiner Generation zählt, hatten ihn technische Defekte oft um den Erfolg gebracht. So war er bei seinem ersten Vendée Globe 2014 beinahe gesunken, nachdem sein altes Boot in heftigem Seegang auseinanderzubrechen drohte. Vier Jahre später war er der einzige, der Dalins Tempo halten konnte, doch dann brach ihm ein Foil, ohne den er nicht mehr konkurrenzfähig war.

Seine Kompromisslosigkeit diesmal wurde belohnt. Dass ihm und Dalin, obwohl mit Verdier-Konstruktionen von 2018 und 2019 unterwegs, kaum jemand das Wasser reichen konnte, war vorher erwartet worden. Umso erstaunlicher ist das gute Abschneiden vieler Neubauten, die wie die „Malizia – Seaexplorer“ erst vor wenigen Monaten in Betrieb genommen wurden. So belegen Beyou, Kevin Escoffier, Maxime Sorel und Paul Meilhat weitere Spitzenplätze mit Booten, denen die Zukunft erst noch gehören soll.

Dieser Umstand erstaunt auch Boris Herrmann, wie er in einem Interview gesteht. Nicht nur die kurze Eingewöhnungsphase der Skipper ist ungewöhnlich. Sondern dass die beinahe sämtlich von Guillaume Verdier gezeichneten Yachten sich sowohl in ruppigen Konditionen bewährten, als auch in den idealen Bedingungen des Passatsegelns ihr Potenzial ausschöpfen konnten. Nur einer kam mit seinem Verdier-Riss noch nicht so gut klar: Yannick Bestaven, der Sieger des vergangenen Vendée Globe.

Aktuell auf Rang sieben liegt die Französin Justine Mettreaux, die ihr erstes Imoca-Rennen alleine bestreitet. Bislang hatte sie das US-Team von 11th Hour Racing unterstützt und segelt nun auch dessen Trainingsboot. Doch in dem hochklassig besetzten Feld soweit vorne zu landen, zeigt das Potenzial dieser 36-jährigen Seglerin aus Genf. Unter die ersten zehn dürfte mit Isabelle Joschke eine weitere Frau gelangen. Die zierliche Deutsch-Französin, 45, ist zwar mit einem älteren Boot unterwegs, aber mittlerweile so gut darin, ihren Mangel an physischer Kraft in kluge Entscheidungen umzumünzen, dass sie dem Hauptfeld stets voraneilte in diesem kraftraubenden Rennen.

Zur Startseite

Vorheriger ArtikelErdogan kündigt neuen Einmarsch an: Der Konflikt an der türkisch-syrischen Grenze eskaliert
Nächster ArtikelFlick vor harten Entscheidungen: Auf wen der Bundestrainer beim WM-Auftakt setzen könnte