Ukraine-Krieg Tag 272: Was geschah wirklich auf einer Müllhalde in Cherson?

Acht Monate hatten die russischen Truppen die südukrainische Stadt Cherson besetzt. Nach der Rückeroberung durch die Ukraine wird das Ausmaß der Kriegsfolgen deutlich: Kiew meldet den Fund von Folterkammern, inoffiziellen Gräbern und eine völlig zerstörte Infrastruktur. Es gibt aber noch einen anderen Ort in der Stadt, der Fragen darüber aufwirft, was in den Monaten der Besatzung geschehen ist.

Es geht um eine Mülldeponie am Rande der Stadt. Der britische „Guardian“ hat mit Anwohnern rund um und Arbeitern in der Deponie gesprochen, die sich sicher sind: Hier haben die Russen während der schweren Kämpfe ihre gefallenen Kameraden verbrannt (Quelle hier). So berichteten die Anwohner der Zeitung, dass die Anlage im Sommer für sie gesperrt und am Eingang ein russischer Kontrollpunkt eingerichtet wurde.

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Sie berichteten außerdem, dass sie russische Lastwägen mit schwarzen Säcken gesehen hätten, die Säcke seien angezündet worden. Daraufhin habe sich der Gestank von brennendem Fleisch verbreitet. „Jedes Mal, wenn unsere Armee die Russen beschoss, brachten sie die Leichen auf die Deponie und verbrannten sie“, zitiert der „Guardian“ die 40-jährige Iryna aus Cherson.

Ein Müllsammler wird wiederum mit den Worten zitiert: „Glauben Sie, jemand wollte sie begraben? Sie haben sie abgeladen und dann den Müll über sie gekippt, und das war’s.“ Eine nahe der Mülldeponie wohnende Frau berichtet vom Geruch verbrannter Haare.

Der „Guardian“ schreibt, dass sich die Zeugenaussagen nicht unabhängig überprüfen ließen, zumal die ukrainischen Behörden erklärt hätten, sie könnten sich nicht dazu äußern, ob die Erzählungen gerprüft würden. Reporter hätten aber nach der Befreiung Chersons vor Ort mit weiteren Anwohnern gesprochen, die die Berichte aus dem Sommer bestätigten.

Zudem zitiert die Zeitung aus abgehörten Telefonaten russischer Soldaten aus dem Mai. Einer habe darin gesagt, seine Kameraden seien auf einer „mannshohen Müllhalde“ außerhalb der besetzten Stadt Donezk begraben worden. Und ein anderer soll gesagt haben: „Sie werfen sie einfach dort hin. Später ist es einfacher, so zu tun, als wären sie spurlos verschwunden.“

Die wichtigsten Nachrichten des Tages

  • In der Ukraine hat der Geheimdienst SBU Razzien in mehreren Klöstern der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats vorgenommen und das mit Spionageabwehr begründet. Durchsucht wurde dabei auch das zum Unesco-Weltkulturerbe gehörende Höhlenkloster in Kiew. Mehr dazu erfahren Sie hier.
  • Die Ukraine hat in der Nacht zum 18. November mutmaßlich Öldepots auf russischem Staatsgebiet angegriffen. Das britische Verteidigungsministerium bewertet dies als Zeichen der Verwundbarkeit der prestigeträchtigen Schwarzmeerflotte Russlands. Mehr dazu hier.
  • Die Nachrichtenagentur Associated Press hat einen Journalisten entlassen, nachdem dieser mutmaßlich unsauber gearbeitet hatte. Im Speziellen geht es um die Berichterstattung rund um den Raketeneinschlag in Polen, wie US-Medien berichten. Mehr dazu lesen Sie hier.
  • Die Bundesregierung will bei der ab März geplanten Gaspreisbremse eine Entlastungslücke für die Monate Januar und Februar schließen. Wie aus dem Gesetzentwurf hervorgeht, soll der für März ermittelte Entlastungsbetrag auf die Monate Januar und Februar „gleichsam rückwirkend“ gezahlt werden. Mehr hier.
  • Die ukrainischen Streitkräfte führen zurzeit eine Militäroperation im Nordwesten der Kinburn-Halbinsel durch, von wo aus sie bessere Angriffe in der Region Cherson durchführen könnten. Das bestätigte ein Sprecher des ukrainischen Militärs. Mehr dazu in unserem Newsblog.
  • Der russische Gaskonzern Gazprom hat der Ukraine vorgeworfen, sie zweige für Moldau bestimmtes Gas ab. Der Staatskonzern drohte deshalb am Dienstag damit, die Lieferungen nach Moldau zu kürzen. Moldaus pro-westliche Präsidentin Maia Sandu hatte kürzlich gewarnt, dass ihr Land – gelegen zwischen Rumänien und der Ukraine – in diesem Winter Probleme bei der Versorgung mit Gas und Strom bekommen könnte. Gazprom hat seine Lieferungen nach Moldau bereits um die Hälfte gekürzt.
  • Russlands Präsident Wladimir Putin und sein kubanischer Amtskollege Miguel Diaz-Canel haben am Dienstag gemeinsam die Sanktionen des Westens gegen ihre jeweiligen Länder kritisiert. „Wir haben uns immer gegen Einschränkungen, Embargos, Blockaden und so weiter gestellt“, sagte Putin im Kreml. Diaz-Canel merkte an, beide Länder seien Ziel „unfairer und willkürlicher Sanktionen“ und hätten im „Yankee-Imperium“ einen „gemeinsamen Feind, der einen großen Teil der Welt manipuliert“.
  • Als Lehre aus dem Krieg in der Ukraine hat Bundeskanzler Olaf Scholz eine krisenfähigere Struktur der Rüstungsindustrie gefordert. Man bemühe sich, für die Ukraine den Nachschub an Munition für gelieferte Waffensysteme zu besorgen, sagte Scholz am Dienstag auf dem Wirtschaftsgipfel der „Süddeutschen Zeitung“ in Berlin. Es sei aber auch für die Bundeswehr nicht sinnvoll, einfach Gerät zu kaufen, um dann festzustellen, dass im Krisenfall Produktionsstätten erst wieder entmottet werden müssten. Das sei kein Weg, der Sicherheit schaffe.
  • Der Petersburger Dialog, ein zivilgesellschaftliches Forum zwischen Deutschland und Russland, steht angesichts des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine vor dem Aus. Die Mitgliederversammlung habe auf Antrag des Vorstands beschlossen, sich im ersten Quartal 2023 im Rahmen einer außerordentlichen Mitgliederversammlung aufzulösen, teilte das Forum am Dienstag in Berlin mit. 
  • Bei Explosionen in zwei russischen Orten nahe der Grenze zur Ukraine sind russischen Angaben zufolge drei Menschen ums Leben gekommen. In der rund sieben Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernten Stadt Schebekino in der Region Belgorod sei eine Frau durch ukrainischen Beschuss getötet worden, erklärte der örtliche Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow am Dienstag im Onlinedienst Telegram. Sie habe durch den Beschuss eine Kopfverletzung erlitten und sei in einem Rettungswagen gestorben.
  • Durch die massiven russischen Raketenangriffe im Oktober und November sind in der Ukraine praktisch alle Wärme- und Wasserkraftwerke beschädigt worden. Dazu seien alle wichtigen Knotenpunkte des Stromnetzes getroffen worden, sagte der Chef des ukrainischen Stromnetzbetreibers Ukrenerho, Wolodymyr Kudryzkyj. 
  • Der russische Energieriese Gazprom hat der Ukraine vorgeworfen, beim Transit durch ihr Staatsgebiet angeblich einen Teil des Gases einzubehalten. Das Unternehmen drohte deshalb mit einer Drosselung der ohnehin schon reduzierten Lieferungen.
  • Das Gebiet des Akw Saporischschja ist nach Angaben des Moskauer Verteidigungsministeriums erneut mit Granaten beschossen worden. Am Montag seien acht großkalibrige Granaten auf einen industriellen Teil des Kernkraftwerks gefeuert worden, sagte Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow laut Interfax.
  • Nach dem Einschlag einer Rakete in Polens Grenzgebiet zur Ukraine ist Präsident Andrzej Duda in einem Telefonat von russischen Komikern hereingelegt worden. Das Duo gaukelte Duda in dem auf der Plattform Rutube veröffentlichten Gespräch vor, er spreche mit Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron. 
  • Das Parlament in Moskau hat die mutmaßliche Erschießung russischer Soldaten bei der Gefangennahme durch ukrainische Streitkräfte verurteilt. Die Abgeordneten der Duma riefen die Parlamente anderer Länder auf, sich der Verurteilung anzuschließen und dazu beizutragen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. 
  • Die ukrainische Regierung bietet den Bewohnern der Stadt Cherson eine Evakuierung in Regionen mit besserer Infrastruktur sowie eine kostenfreie Unterkunft an. Das schrieb die stellvertretende Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk auf Telegram. 

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