Vernichtende Kritik an COP27: „Nicht der Ort, wo die Klimakrise bewältigt wird“

Die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer hat den Beschlüssen der Weltklimakonferenz ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. „Die Entscheidung spielt die heutigen Opfer der Klimakrise gegen die morgigen Opfer der Klimakrise aus“, sagte Neubauer nach der Einigung auf der Konferenz am Sonntagmorgen der Deutschen Presse-Agentur in Scharm el Scheich.

Zwar sei der Durchbruch auf Ausgleichszahlungen für Klimaschäden „ein ganz dringender Erfolg“ für ein Mindestmaß an Gerechtigkeit.

„Hier muss richtig geliefert werden“, betonte Neubauer. Es gebe einen gewaltigen Vertrauensverlust dieser Länder gegenüber Deutschland und der EU. Die verletzlichen Staaten müssten und ihr Kampf ums Überleben müsse gehört werden.

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Die Staatengemeinschaft habe es nicht geschafft, ein Ende der fossilen Energien zu beschließen, obwohl man auf der 27. Klimakonferenz eine Krise diskutiere, die von fossilen Energien verursacht werde. Das habe Anklänge eines „Paralleluniversums“.

„Falls irgendwer gehofft hatte, dass das hier der Ort ist, wo die Klimakrise bewältigt wird, können wir verkünden, dass das nicht der Fall ist. Das ist hart“, sagte Neubauer.

Die Weltklimakonferenz hatte sich erstmals auf einen gemeinsamen Geldtopf zum Ausgleich von Klimaschäden in ärmeren Ländern geeinigt. In ihrer Abschlusserklärung bekräftigten die rund 200 Staaten am frühen Sonntagmorgen außerdem ihre frühere Entscheidung, schrittweise aus der Kohle auszusteigen. Ein Abschied von Öl und Gas wird aber nicht erwähnt. 

Die Präsidentin von „Brot für die Welt“, Dagmar Pruin, sprach mit Blick auf den Fonds ebenfalls von einer „historischen Entscheidung“. Grund zum Jubeln sieht aber auch sie nicht. Angesichts der fürchterlichen Auswirkungen des Klimawandels auf die ärmsten Bevölkerungsgruppen sei dies der längst notwendige Schritt von Industriestaaten, ihre Verantwortung anzunehmen.

„Sehr enttäuschend dagegen fallen die Ergebnisse zum Klimaschutz aus“, fügte sie an: „Im Jahr 2022 ist es absurd, sich auf einem Klimagipfel nicht zum Ende der Fossilen zu bekennen.“

Ähnlich äußerte sich der Klimaexperte der Entwicklungsorganisation Oxfam, Jan Kowalzig: Der beschlossene Fonds sei ein „Meilenstein“, die Beschlüsse zum Klimaschutz hingegen seien „deprimierend“. Die Klimaschutzorganisation 350.org kritisierte, das Ergebnis von Scharm el Scheich ebne den Weg für die verstärkte Nutzung fossiler Energien und zunehmende Klimaschäden.

Neubauer kritisiert Lobbyismus auf Klimakonferenz

„Man kriegt es nicht auf die Kette, in einem Abschlussdokument klarzustellen, dass aus allen fossilen Energieträgern ausgestiegen werden muss. Das sagt ganz schön viel über die Klimakonferenz“, fügte Luisa Neubauer hinzu.

„Wer macht die Regeln?“, fragte die Aktivistin mit Blick auf die internationalen Verhandlungen. „Sind es die 630 Lobbyisten der fossilen Industrie oder sind es die Staaten, die drohen unterzugehen, wenn hier nicht geliefert wird?“

+25 Prozent

Anstieg der teilnehmenden Lobbyisten bei der Klimakonferenz

Bei der Klimakonferenz in Ägypten sind Hunderte Lobbyisten für Öl, Gas und Kohle registriert – einer Auswertung der Umweltorganisation Global Witness zufolge in diesem Jahr 25 Prozent mehr als bei dem Treffen im vergangenes Jahr in Glasgow.

Bei mehreren Aspekten geht der bisherige Entwurf nicht über die Erklärung aus Glasgow hinaus. Experten fürchten, dass die Beschlüsse sogar dahinter zurückbleiben könnten. „Das wäre ein Desaster“, so Neubauer.

Gemeinsam mit senegalesischen Aktivistinnen und Aktivisten macht sich Fridays for Future Deutschland dafür stark, dass die Bundesregierung ihr Vorhaben stoppt, im Senegal in ein Gasvorhaben zu investieren. 

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Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt hatten während der zweiwöchigen Konferenz mit Demos und Aktionen auf dem UN-Gelände ehrgeizigere Beschlüsse gefordert. Neubauer ist überzeugt, dass es ohne Druck von der Straße den Durchbruch bei den Ausgleichszahlungen für Klimaschäden nie gegeben hätte.

„Deshalb geht von diesem Gipfel auch die Nachricht aus: Aktivismus wirkt.“ Die Einigung auf die Hilfen „bestärkt uns alle hier in der Überzeugung, dass wir einen Unterschied machen können. Und alles andere in der Erklärung bestärkt uns auch darin, dass wir einen Unterschied machen müssen.“ (dpa)

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